Trump und Xi: Was steckt hinter den netten Worten?

In mehreren Gesprächsrunden und unter Ausschluss der Öffentlichkeit haben sich US-Präsident Trump und der chinesische Staatschef Xi ausgetauscht. Über die Inhalte wurde wenig bekannt. Beide Seiten betonten aber im Anschluss die gute Zusammenarbeit. Trump sprach von Freundschaft und einer "großartigen Zukunft". Xi erklärte, beide Länder könnten sich gegenseitig stärken. Europas Presse versucht, hinter die Kulissen zu blicken.

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Le Monde (FR) /

Ringen um globale Vorherrschaft

Kolumnist Alain Frachon analysiert in Le Monde den harten Konkurrenzkampf zwischen China und den USA:

„Im Wettlauf um die globale Vormachtstellung wissen beide Länder, was entscheidend ist: Quanteninformatik und KI. In diesen Bereichen müssen die beiden Supermächte die Realität ihrer gegenseitigen Abhängigkeit mit ihrem Streben nach Eigenständigkeit in Einklang bringen. Peking und Washington setzen die Kontrolle besonders sensibler Exporte behutsam als Waffe ein: Die Amerikaner verfügen über die am höchsten entwickelten Chips, die Chinesen über seltene Erden. Im Kapitel technologische Vorherrschaft sind zwischen China und den USA die Würfel noch längst nicht gefallen.“

Rzeczpospolita (PL) /

Peking sieht sich im Aufwind

China profitiert von Fehlentscheidungen der USA, schreibt Rzeczpospolita:

„Die Chinesen sind der Ansicht, dass die Zeit nicht nur im wirtschaftlichen und technologischen Bereich, sondern auch in geostrategischer Hinsicht auf Ihrer Seite ist. Der beste Beweis für diese These ist aus ihrer Sicht der katastrophale Iran-Konflikt, aus dem sich die Amerikaner derzeit nicht lösen können. Zwar trifft dieser Konflikt auch die wirtschaftlichen Interessen Chinas hart, das vom Ölimport aus dem Persischen Golf abhängig ist. Doch langfristig könnte sich das Blatt wenden, denn im Gegensatz zu Washington hat Peking auf erneuerbare Energien gesetzt und will hier weltweit führend sein.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE) /

US-Präsident hat sich verzettelt

Am schwindenden Einfluss der USA auf globaler Bühne wird der Besuch Chinas nichts ändern, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung:

„Trump mag glauben, dass der Glanz von dessen Stärke auf ihn abstrahlt, aber er verkennt, dass China die Reise nutzt, um die eigene Macht zu mehren. So sprach Xi gezielt Taiwan an und warnte davor, dass Amerikas Unterstützung für die Inselrepublik zu einem Konflikt mit China führen könnte. Vom Weißen Haus war dagegen nichts zu Taiwan zu hören. ... Peking agiert geduldig und bedacht, um ins Zentrum der globalen Ordnung vorzurücken, an den Platz, den es nach eigenem Empfinden rechtmäßig einnehmen sollte. Trump hatte China schon in seiner ersten Amtszeit als Hauptgefahr für die Vereinigten Staaten ausgemacht, aber anstatt sich darauf zu fokussieren, verzettelt er sich.“

Corriere della Sera (IT) /

Die Thukydides-Falle

Corriere della Sera erklärt eine der von Xi benutzten Metaphern:

„Gestern warnte Xi vor der 'Thukydides-Falle'. ... Er bezieht sich dabei auf den Bericht des athenischen Historikers Thukydides über den Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta (431–404 v. Chr.), der durch den Aufstieg Athens ausgelöst wurde und schließlich den Konflikt entfesselte, der die damalige Zivilisation verwüstete. ... Xi nutzt diese Metapher, um die USA davor zu warnen, die rote Linie in der Taiwan-Frage zu überschreiten und die 'historische Unvermeidlichkeit der Wiedervereinigung der Insel mit dem chinesischen Festland' zu verhindern. Dies bedeutet, dass China für die Rückeroberung Taiwans notfalls auch zu den Waffen greifen würde, obwohl es sich der verheerenden Folgen eines Konflikts zwischen Supermächten bewusst ist.“

Dagens Nyheter (SE) /

Auch China steckt in einer schwierigen Lage

Zur chinesischen Ökonomie merkt Dagens Nyheter an:

„Chinas Wirtschaftswunder wurde vor fünf Jahren durch eine Immobilienkrise jäh unterbrochen. Seitdem lastet die Deflation schwer auf dem Land. Die Stärke der Exporte hält zwar das Wachstum aufrecht, doch basiert dieses auf niedrigen Preisen und Löhnen, die Konsum und Nachfrage dämpfen und somit zur Deflation beitragen. China steckt in einer schwierigen Lage. Wenn wir die Ursachen dieser Situation ergründen wollen, dann liegen sie neben enormen und minderwertigen Investitionen in den Wohnungsbau auch in Xi Jinpings Kontrollsucht. ... Sowohl inländische als auch ausländische Privatanleger und Konsumenten sind verunsichert.“

El Periódico de Catalunya (ES) /

Bei konkreten Themen durchaus Annäherung

Für El Periódico de Catalunya stehen die Zeichen auf Entspannung:

„Alles deutet darauf hin, dass der Besuch das Vertrauen und die Stabilität zwischen beiden Ländern wiederherstellen wird. ... In den beiden Hauptstreitpunkten – den Handelsbeziehungen und dem Status Taiwans – wird es aber kaum zu historischen Durchbrüchen kommen. Die Positionen nähern sich jedoch beim Iran-Krieg und der Straße von Hormus an. ... Beide Staatschefs nähern sich einer Einigung zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus und die Notwendigkeit eines atomwaffenfreien Iran an. Das würde die politischen Spannungen und die wirtschaftlichen Belastungen weltweit entschärfen.“

Delo (SI) /

Europa gerät wohl ins Hintertreffen

Die EU hat viele Gründe, das Treffen in Peking mit Sorge zu verfolgen, warnt Delo:

„Sollten sich die Präsidenten und Verhandler einigen, können wir sicher sein, dass die Amerikaner einen bevorzugten Status beim chinesischen Export seltener Erden erwarten werden. Europa und vor allem die EU dürften auf den letzten Platz der Käuferliste dieser Rohstoffe des 21. Jahrhunderts verdrängt werden. Sollte Trumps Team beschließen, die Türen für chinesische Elektroautos nicht zu öffnen, kann der europäische Markt mit einer Flut von Hunderten Millionen wunderschön gestalteter, hochwertig gefertigter und unschlagbar günstiger Elektrofahrzeuge chinesischer Produktion rechnen, die für den Export bestimmt sind, weil der überfüllte heimische Markt sie nicht aufnehmen kann. ... Weder Trump noch Xi betrachten die europäischen Interessen als wichtig.“