Paukenschlag in Frankreichs Verlagswesen

Aus Protest gegen die Entlassung des bisherigen Verlagschefs Olivier Nora wollen mehr als 100 Autorinnen und Autoren den Verlag Grasset verlassen. Nora soll durch Jean-Christophe Thiery ersetzt werden, der als Vertrauter von Vincent Bolloré gilt, einem ultrakonservativen Milliardär und Medienmogul, dem unter anderem Grasset gehört. Die Schriftsteller fürchten politische Einflussnahme durch Bolloré. Auch die Presse ist besorgt.

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Le Monde (FR) /

Wir sind keine Trophäen

Die Verlagswelt steht vor großen Herausforderungen, urteilt der Verleger Antoine Gallimard in Le Monde:

„Unsere Aufgabe als Verleger von Literatur und geisteswissenschaftlichen Werken besteht darin, Neutralität zu gewährleisten. ... Unsere Solidarität mit Olivier Nora und seinen Autoren muss uneingeschränkt sein. Ihr Widerstand zeigt großen Mut, denn es geht nicht darum, ein einzelnes Buch zu verteidigen, sondern einen Katalog, eine Geschichte, ein Erbe. Die Verlagsbranche muss klar und deutlich sagen: Wir sind keine Trophäen. Politischer Radikalismus stellt, wenn er die Leitung von Verlagen bestimmt, eine Bedrohung für die freie Publikation dar. ... Die Herausforderung ist klar: Wir müssen unsere Schutzmechanismen stärken. .. Es ist noch Zeit zu handeln.“

La Libre Belgique (BE) /

Ausweitung der Kampfzone droht

Risiken für den Literaturbetrieb sieht La Libre Belgique:

„Im Grunde geht die aufgeworfene Frage weit über den Fall Grasset hinaus. Sie betrifft die zunehmende Durchlässigkeit zwischen wirtschaftlicher und politisch-ideologischer Sphäre sowie die Fähigkeit eines Landes, wirklich unabhängige und pluralistische Räume zu bewahren. Olivier Nora und seine Autoren werden ihre Wege andernorts fortsetzen. Verlage entwickeln sich weiter und das ist auch gut so. Doch entscheidend ist, dass diese Entwicklungen von einem zugleich literarischen und wirtschaftlichen Anspruch geleitet bleiben und nicht von einer Logik der Einflussnahme. Andernfalls ist das Risiko offensichtlich: dass das Buch zu einem weiteren Akteur in einer Polarisierung wird, die die Gesellschaft ohnehin schon tief spaltet.“

Le Temps (CH) /

Der eisige Wind des reaktionären Populismus

Diese Geschichte trägt die Handschrift des US-Populismus, urteilt Le Temps:

„Die Ablösung Olivier Noras durch einen Vertrauten des rechtsextremen Industriellen Vincent Bolloré signalisiert lautstark eine regelrechte Trumpisierung des führenden französischen Verlagskonzerns Hachette Livre. ... Der eisige Wind des reaktionären Populismus weht über den Atlantik und trifft mit voller Wucht auf Saint-Germain-des-Prés. ... Hier wird das Bild der französischen Exzellenz im Kulturbetrieb beschädigt – das Bild der Achtung vor redaktioneller Unabhängigkeit und Qualität. Das Bild der Freiheit, zu forschen, zu kritisieren, Widerstand zu leisten und Nein zu sagen.“