Wird die Estonia-Katastrophe neu aufgerollt?

26 Jahre nach dem Untergang der MS Estonia heizen neue Filmaufnahmen die Spekulationen über die Unglücksursache an. Sie zeigen ein vier Meter großes Loch an der Steuerbordseite. Dies spricht dem Vorsitzenden des estnischen Untersuchungsausschusses zufolge für die Kollision mit einem U-Boot. Die Fähre war 1994 auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm gesunken, 852 Menschen starben.

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Postimees (EE) /

Zweifelhafte neue Theorie

Postimees-Journalist Erkki Koort kritisiert, wie bereitwillig viele Esten die Theorie, die Estonia sei von einem U-Boot gerammt worden, übernehmen:

„Die angeblichen neuen Sachverhalte haben alte Wunden aufgerissen und Grund zu neuen Spekulationen gegeben. Nur wenige TV-Produktionen haben ein solches Marketing genossen. Und nun beschäftigen wir uns alle damit. Zu Beginn der Corona-Krise machte ein Meme die Runde, nach dem alle Politologen nun zu Epidemiologen geworden sind. Am 28.09.2020 sind viele von uns zu Schiffbauingenieuren und Marinespezialisten geworden. Juristen reden in warmen Zimmern über U-Boote im stürmischen Meer, als gehe es um die kommentierte Ausgabe des Strafgesetzbuches. ... Ich verstehe unser Interesse an der Estonia-Katastrophe, aber ich verstehe nicht, wie wir einer Theorie aufsitzen können, die von Fakten nicht gestützt ist.“

Eesti Rahvusringhääling (EE) /

Tallinns unrühmliche Rolle

Estlands Regierung ist sich nicht zu schade, auch diese Tragödie politisch ausschlachten zu wollen, kritisiert ERR:

„Die Wahrheit nützt der Regierung nichts, wohl aber Vortäuschung der intensiven Tätigkeit in einem empfindlichen Thema, das die Wähler beschäftigt. Ein Dokumentarfilm ist keine unvoreingenommene Untersuchung von historischen Ereignissen, sondern eine künstlerische Darstellung, die mit Bildern vom realen Leben hergestellt wurde. Egal, wie mächtig diese Darstellung ist, die in diesem Fall den Eindruck erwecken soll, es habe sich um ein Verbrechen gehandelt, kann sie doch nicht Grundlage oder Beweisstück einer Untersuchung sein. ... Die zentrale Botschaft der Regierungskoalition ist seit anderthalb Jahren, vor ihr sei alles falsch gemacht worden. Hier sieht sie eine wunderbare Möglichkeit, dieses Narrativ weiter zu stricken.“

Svenska Dagbladet (SE) /

Verschwörungstheorien entkräften

Mehr als 500 Schweden starben bei der Katastrophe. Gegen die bereits vor den neuen Aufnahmen weit verbreiteten Zweifel an der offiziellen Erklärung, wonach ein abgerissenes Bugvisier zum Untergang führte, kann eine neue Untersuchung nur helfen, findet Svenska Dagbladet:

„Die Estonia-Katastrophe muss dieses Mal gründlicher und mit internationalem Fachwissen untersucht werden. Alle Karten müssen auf den Tisch gelegt werden. Solange es für das Loch im Schiffsrumpf keine glaubwürdige Erklärung gibt, werden die Fantasien weiter gedeihen und zunehmend politischer werden. Der Schaden, der in Form von anhaltendem Leid für die Angehörigen, schlechteren Beziehungen zu unseren Nachbarländern und einem drastisch verringerten Vertrauen in den öffentlichen Sektor entstehen kann, überwiegt die Rücksicht auf eine längst pensionierte Regierung. “

Postimees (EE) /

Noch hat die liebe Seele keine Ruh'

Auch der vertraglich über die gesunkene Fähre verhängte "Grabfrieden" darf kein Grund sein, nicht nach der Wahrheit zu forschen, erklärt Postimees:

„Die Entdeckung des Lochs macht den Verdacht wieder aktuell, dass mit der Fähre Militärgut transportiert wurde und der Unfall von einer Kollision mit dem begleitenden U-Boot verursacht wurde. Dies wirft die gravierende Frage der Verantwortung auf. Für den Moment ist es nur eine Hypothese, mit unbewiesenen Anschuldigungen. Es ist möglich, dass diese unbegründet sind. Aber das Schlimmste wäre, wenn sie ungeprüft bleiben. Wahren Grabfrieden für die Opfer und Seelenfrieden für die Angehörigen kann nur die Wahrheit schaffen.“

Õhtuleht (EE) /

Schadenersatzfrage könnte Bergung blockieren

Õhtuleht wünscht sich sogar, dass das Wrack vom Meeresboden geborgen wird:

„Das Loch, dass die Kamera des Tauchroboters im Körper der Estonia entdeckt hat, schreit nach einer neuen Untersuchung. ... Die Bergung des Wracks wird durch den Vertrag zwischen Estland, Finnland und Schweden zur Wahrung der Totenruhe verhindert - der eigentlich Raub und Plünderungen verhindern sollte. Doch jeder Vertrag kann gekündigt werden. Das andere Gegenargument sind die hohen Kosten der Bergung, obwohl diese noch niemand beziffert hat. Oder geht es gar nicht um die Kosten der Bergung, sondern um die möglichen Schadenersatzansprüche der Angehörigen, sollte sich herausstellen, dass nicht nur das stürmische Wetter an dem Unglück schuld war?“