Moskau: Todesstoß für Gulag-Museum

Das im November 2024 zunächst wegen angeblicher Brandschutzprobleme geschlossene Moskauer Museum zur Geschichte des Gulag wird nun thematisch komplett umgewidmet. Wie die neu eingesetzte Museumsleiterin mitteilte, soll es zum "Gedenk-Museum für die Opfer des Völkermords am sowjetischen Volk" umgewandelt werden und nazistische Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg dokumentieren.

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The Moscow Times (RU) /

Hier gab es Selbstkritik statt Stolz

Die Kunstkritikerin Irina Mak betont in The Moscow Times die Einzigartigkeit dieses Museumsprojekts:

„Es war als einziges Museum im Land übrig geblieben, dessen Tätigkeit nicht auf Lobpreisung, sondern auf Selbstkritik und Reflexion ausgerichtet war. Hier gab es Grund zur Scham und nichts, worauf man stolz sein konnte – niemand sonst in der russischen Museumswelt hat sich so etwas erlaubt und wird es sich in absehbarer Zukunft auch nicht erlauben. Und es war nicht nur ein Forschungs-, Wissenschafts- und Sozialprojekt. Vom ersten bis zum letzten Tag war das Museum zur Geschichte des Gulag ein hervorragendes konzeptionelles Kunstprojekt.“

Radio Kommersant FM (RU) /

Solschenizyn steht noch auf dem Lehrplan

Radio Kommersant FM verweist darauf, dass die stalinistischen Repressionen in Russland offiziell nicht negiert werden:

„Die Russische Föderation erkennt auf staatlicher Ebene die Tatsache der politischen Repressionen während der Herrschaft Josef Stalins an. ... In den Schulen wird nach wie vor Alexander Solschenizyns Hauptwerk Der Archipel Gulag behandelt. ... Und der Schriftsteller selbst – ein vehementer Gegner des Stalinismus und der Sowjetmacht – wird in Russland uneingeschränkt veröffentlicht und gilt als staatstragender Patriot. ... Es wurde immer angenommen, dass die Wahrheit über die sogenannten dunklen Flecken der Geschichte dem Land nur nützt und keinesfalls schadet. Doch die Stimmen derjenigen, die vom Gegenteil überzeugt sind, tönen jetzt viel lauter.“

Nowaja Gaseta (RU) /

Unerwünschtes Spiegelbild der Gegenwart

Nowaja Gaseta erklärt, warum das Regime das Museum umwidmen will:

„Man hat den Eindruck, dass die Darstellung der Mechanismen des Terrors – Denunziationen, 'Volksfeinde', Strafbürokratie, Geheimgerichte, Angst – allzu leicht als Spiegelung der Gegenwart verstanden werden kann. Und diejenigen, die die Entscheidung zur Schließung des Museums getroffen haben, sind sich dessen sehr wohl bewusst. Für die Machthaber ist das toxisch: Solche Vergleiche sensibilisieren die Gesellschaft für die Willkür der Gegenwart und machen die Sprache der staatlichen Propaganda weniger überzeugend. Daher ist es vorteilhafter, die historische Optik auf Themen zu richten, bei denen die Gewalt von außen und nicht von innen kommt, wo die moralische Linie vorab gezogen ist und keine Fragen an den eigenen Staat erfordert.“