Vier Jahre Ukraine-Krieg: Ist ein Ausweg möglich?

Genau vier Jahre nach dem russischen Großangriff finden heute nicht nur in der Ukraine, sondern auch in zahlreichen anderen Ländern Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Krieges statt. Auch Kommentatoren reflektieren über diese lange Zeit, die der Ukraine Tod, Zerstörung, Existenznot und Leid gebracht hat, – und über die Frage, wie sie enden könnte.

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Público (PT) /

Keine Seite wird ihre Ziele erreichen

Ein Ende des Konflikts zeichnet sich kurzfristig nicht ab, schreibt der Politologe José Pedro Teixeira Fernandes in Público:

„Es erscheint unwahrscheinlich, dass der Konflikt 2026 endgültig beendet sein wird. Ein vollständiger Sieg einer der beiden Seiten erscheint nicht plausibel. Russland hat keine Fähigkeit gezeigt, einen militärischen Durchbruch zu erzielen, der die Frontlinie drastisch zu seinen Gunsten verändern würde. Auch die Ukraine verfügt zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht über die notwendigen Mittel, um die russischen Streitkräfte zu vertreiben. ... Die optimistischste Hypothese ist ein Waffenstillstand, der die Positionen vor Ort einfriert, sei es aufgrund erschöpfter Ressourcen, starken politischen Drucks von außen oder einer Kombination aus beidem.“

Delfi (LT) /

Selbst rote Teppiche wurden ignoriert

Delfi-Kolumnist Rimvydas Valatka schimpft:

„Wann endet der Krieg? Die falsche Frage. Man müsste anders fragen: Wann wird Russland beschließen, den Krieg zu beenden? Oder genauer: Wann wird Russland nicht mehr in der Lage sein, Krieg zu führen? ... Seit über einem Jahr bietet Trump Russland eine beispiellose Verlierer-Chance, sich aus der Kriegsfalle zu befreien, in die es sich am Morgen des 24. Februar 2022 selbst manövriert hat. Unter Beibehaltung des besetzten Teils der Ukraine, mit von den USA ausgerollten roten Teppichen, der Aufhebung der Sanktionen und der Rückkehr westlicher Investitionen. Solche Deals lehnt man nicht ab. Selbst der dümmste Diktator würde sie annehmen. Mit einer Ausnahme: Russland.“

Naftemporiki (GR) /

Streben nach Frieden ist aufgegeben worden

Naftemporiki sieht zu wenig Bemühen um neue Sicherheitsstruktur:

„Nur die europäische politische Elite – aber nicht die gesamte Bevölkerung – unterstützt die Ukraine, indem sie amerikanische Waffen kauft, um sie nach Kyjiw zu schicken. Damit die Ukrainer als Stellvertreter der EU gegen die Russen kämpfen. Und damit die massive Aufrüstung Europas gerechtfertigt ist. ... Kein Wort über eine neue Sicherheitsarchitektur, die Frieden für alle auf dem alten Kontinent garantieren soll. ... Die sogenannte 'Koalition der Willigen' hat Hunderte von Milliarden Euro in die Kriegsanstrengungen der Ukraine gesteckt und damit die EU und viele ihrer Mitgliedstaaten wirtschaftlich und politisch massiv geschwächt. Das Selbstverständliche wäre das Streben nach Frieden, doch dies scheint aufgegeben worden zu sein.“

De Volkskrant (NL) /

Mehr Raketen könnten den Ausschlag geben

De Volkskrant analysiert:

„Die Probleme für Putin häufen sich, der Preis wird immer höher – aber nach Putins Kalkül ist er noch nicht hoch genug. Ein Stopp birgt auch Risiken für ihn und sein System. Es gibt nur einen Weg, diese Kalkulation entscheidend zu beeinflussen: den Preis für Putins sinnlosen Krieg weiter zu erhöhen. ... Nur wenn neben der Weigerung der Ukraine, sich Moskau zu unterwerfen, auch die europäische Beharrlichkeit hinzukommt, kann Putin zum Einlenken gezwungen werden. Das bedeutet auch, dass Langstreckenwaffen in großem Umfang geliefert werden müssen, um Putin einige Waffen aus den Händen zu schlagen.“

La Libre Belgique (BE) /

Zwischen Solidarität und Selbstbehauptung

Europa muss einen schmalen Grat meistern, erklärt La Libre Belgique:

„Der Ukraine zu helfen ist keine emotionale Entscheidung, sondern eine strategische Verpflichtung. Es geht um die Verteidigung der europäischen Sicherheitsarchitektur. ... Aber helfen bedeutet nicht, blind zu werden. … Heute verstehen wir erneut, dass Abschreckung die Voraussetzung für Frieden ist und wir wieder in unsere Armeen, Munition und Verteidigungsindustrie investieren müssen. … Die Ukraine unterstützen, ja. Aber ohne unsere eigenen Fundamente, öffentlichen Finanzen oder Verteidigungsfähigkeiten zu schwächen. Den Ukrainern helfen, ohne uns selbst zu entkräften – das ist der schmale Grat. Ein schmaler, politisch unbequemer Weg, aber unverzichtbar, um kohärent zu bleiben und vielleicht eines Tages wieder Frieden zu finden.“

Diena (LV) /

Prognosen glaubt niemand mehr

Zu den Kollateralschäden gehört die Verlässlichkeit, beobachtet Diena:

„Betrachtet man die Meinungen zu diesem Krieg objektiv, fällt auf, dass sie von zahlreichen unzutreffenden Prognosen geprägt sind. Im Jahr 2022, kurz vor dem 24. Februar, erklärten diverse Personen kategorisch, es werde keinen russischen Angriff auf die Ukraine geben. Mit den Nachrichten über die Bombardierung ukrainischer Städte durch russische Streitkräfte, zerstörte Häuser und Flüchtlingsströme mussten sie ihren Irrtum bei der Prognose eingestehen. In den darauffolgenden vier Jahren wurden immer wieder diverse Prognosen geäußert, die sich ebenfalls als falsch erwiesen. ... Der Krieg hat dazu beigetragen, dass das Vertrauen in Prognosen jeglicher Art schwindet, egal wie kategorisch sie formuliert sind.“

La Vanguardia (ES) /

Europa stemmt sich gegen Putin

Wir müssen mit der russischen Bedrohung leben, so das Fazit von La Vanguardia:

„Mitte 2026 wird der Konflikt länger gedauert haben als der Erste Weltkrieg, und die Positionen sind nach wie vor unvereinbar. ... In diesem Frühjahr wird die Zahl der Opfer (getötete, verwundete oder vermisste Soldaten) auf beiden Seiten auf zwei Millionen steigen. ... Vor diesem Hintergrund ist das Argument der Europäer zu hören, dass Putin nicht gewinnen darf, weil dies weitere russische Aggressionen ermöglichen würde. Europa fürchtet, dass der Druck auf Selenskyj zu einem Scheinende des Krieges führen könnte, nach dem Putin aufrüsten und erneut angreifen könnte. Dieser Konflikt hat Europa verwandelt: Es muss sich an ein neues Szenario anpassen und mit der russischen Bedrohung leben.“

Expresso (PT) /

Auch ein Frieden wird nicht einfach

Europa muss sich auf den Tag nach dem Krieg vorbereiten, schreibt Expresso:

„Im Jahr 2022 hätte niemand einen Krieg um die Eroberung von Territorium auf dem europäischen Kontinent für möglich gehalten. Und niemand hätte gedacht, dass ein Krieg vier Jahre dauern könnte, begleitet von enormer Abnutzung, Zerstörung und Tod. Vier Jahre später ist das Unvorstellbare ein alltägliches Bild. ... Der Frieden, ungerecht, unvollkommen und fragil, könnte dieses Jahr kommen. Paradoxerweise wird dieser Moment für die EU noch schwieriger sein als der Krieg. Denn während ein Krieg fast immer vorübergehend ist, erwartet man vom Frieden, dass er ewig währt. Situative Entscheidungen, Anstrengungen und Beiträge werden dauerhaft.“

Nikolai Mitrochin (RU) /

Auf Kampfroboter vorbereiten

Politologe Nikolai Mitrochin skizziert auf Facebook den aktuellen Stand und wagt einen Blick in die Zukunft:

„Die Ukraine hält sich gut an der Front, aber die Funktionsfähigkeit ihres Energiesystems hängt am seidenen Faden, was erhebliche Auswirkungen haben könnte. Russland verfügt derzeit weder über ausreichende Truppen noch über neue Technologien für entschlossene und erfolgreiche Offensiven, aber es kann unter Einsatz von zehntausenden Menschenleben die ukrainische Verteidigung an einigen schmalen Abschnitten durchbrechen und mit einem Tempo von etwa drei Kilometern pro Monat vorrücken. Was passieren wird, wenn China Kompanien humanoider Kampfroboter liefert, wissen wir noch nicht, aber man sollte darauf vorbereitet sein, dass dies ziemlich bald geschehen könnte.“

Salzburger Nachrichten (AT) /

So viele Heldinnen neben den Helden

Auf die Ukrainerinnen blicken die Salzburger Nachrichten:

„Das Bild vom Krieg ist längst nicht mehr männlich. Frauen sind in allen militärischen Bereichen vertreten. Sie kämpfen in Schützengräben nahe der Frontlinie, steuern Drohnen, behandeln Schwerverletzte. ... Wie ihre männlichen Kameraden riskieren sie Tag für Tag ihr Leben für ihr Land. Doch es existiert auch eine unsichtbare Front. Viele Ukrainerinnen sorgen dafür, dass abseits des Kampfgeschehens das Leben und der Alltag weiterlaufen. ... Neben der Erwerbsarbeit sind viele von ihnen alleinerziehend. ... Wenn dieser Krieg vorbei ist, werden Heldengeschichten erzählt werden. Man kann nur eines hoffen: dass die Heldinnen dabei nicht vergessen werden.“