70 Tote zu viel: Chirurgie-Skandal in Zürich
In der Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich sind zwischen 2016 und 2020 rund 70 Menschen mehr gestorben, als zu erwarten wäre. Zu diesem Ergebnis kommt ein nun veröffentlichter Untersuchungsbericht. Darin werden eine mangelhafte Klinikleitung, Interessenskonflikte und der Einsatz unausgereifter Herzimplantate, die der damalige Herzchirurgie-Klinikchef Francesco Maisano selbst mitentwickelt hatte, gerügt. Die Presse sucht Gründe und Verantwortlichkeiten.
Fehlerkultur Fehlanzeige
Führungsversagen auf ganzer Linie konstatiert die NZZ:
„Der junge Innovator sollte die Zürcher Herzchirurgie zurück auf die Landkarte setzen. Ob er auch eine Klinik leiten kann und ob seine zahlreichen Interessenkonflikte nicht zu Problemen führen könnten, haben die Verantwortlichen kaum hinterfragt. Das mag ein noch verzeihlicher Fehler sein; Innovation zu fördern, ist für ein Spital wichtig. Dass die Spitalführung ihren Fehler aber nicht korrigierte, als er evident wurde, ist das eigentliche Problem. Sie hielt wider besseres Wissen an Maisano fest und ergriff nur halbherzig Massnahmen, deren Umsetzung sie weder konsequent einforderte noch kontrollierte. ... Offensichtlicher Ausdruck einer mangelhaften Fehlerkultur.“
Spitzenmedizin braucht mehr Kontrolle
An Universitätskliniken steht nicht Heilung im Zentrum, zeigt der Blick auf:
„Es geht um Forschungsgelder, Rankings, Renommee. Dafür braucht es nicht in erster Linie die besten Operateure, sondern die ehrgeizigsten Forscher. Das ist ein entscheidender Unterschied. Denn was man 'Starchirurg' nennt, ist oft ein Starforscher, der auch operiert. Der OP-Saal wird zum Labor. Der Patient ist nicht mehr Mensch, sondern Fall. Ein Organ. Eine Gelegenheit, die nächste Methode zu testen, die nächste Publikation zu schreiben, das nächste Prestige zu gewinnen. So entstehen in grossen Spitälern kleine Königreiche. ... Brillante Köpfe – und narzisstische Persönlichkeiten, die Widerspruch als Angriff verstehen. ... Gerade deshalb braucht Spitzenmedizin mehr Kontrolle, mehr Mut zum Widerspruch.“