Türkei: Börsenskandal trifft hunderttausende Anleger

In der Türkei ist ein Finanzskandal geplatzt, der rund 450.000 Kleinsparer um ihr Erspartes bangen lässt. 131 inzwischen von der Finanzaufsicht liquidierte Fonds hatten mit außergewöhnlich hohen Gewinnen geworben. Doch dahinter steckte offenbar ein Schneeballsystem. Während die Justiz ermittelt und es Dutzende Festnahmen gab, erörtern die Medien die Auswirkungen und suchen Verantwortlichkeiten.

Alle Zitate öffnen/schließen
Karar (TR) /

Keine Steuergelder für Opfer der eigenen Gier

Karar argumentiert gegen eine Entschädigung der Anleger aus Staatsmitteln:

„Die Fondsbetreiber und ihre Günstlinge haben geprasst, und jetzt soll die Rechnung uns allen aufgebürdet werden? Waren wir etwa an den Gewinnen derer beteiligt, die aus Gier nach unfassbaren, unglaublichen Renditeversprechen ihr Geld an Betrüger verloren haben? Hätten sie ihre Gewinne etwa mit uns geteilt, dass wir nun ihre Verluste mittragen sollen? ... Es muss klargestellt werden, dass der Schaden nicht aus unseren Steuern gedeckt wird. Sonst zahlen wieder wir alle die Rechnung. ... Das unrechtmäßig Erworbene soll den Profiteuren bis zum letzten Cent wieder abgenommen und unter den Geschädigten verteilt werden. Und die sollen sich mit Notwendigsten begnügen und Genügsamkeit zeigen.“

Star (TR) /

Aufklärung unabdingbar, auch wenn es schmerzt

Der Fonds-Skandal ist für den Staatsapparat eine Bewährungsprobe, meint die regierungsnahe Zeitung Star:

„Wird man vertuschen oder der Sache nachgehen? Insofern ist das eine Angelegenheit, die politische Kosten verursachen wird. ... Letztlich zeigt sich, dass die Unregelmäßigkeiten bei den Fonds schon ein Jahr zuvor bemerkt worden waren und es gezielte Hinweise gegeben hatte, die Verantwortlichen aller Ebenen in den für die Fondsaufsicht zuständigen Behörden aber weder Sanktion verhängt noch eingegriffen haben. ... Wer trägt die Verantwortung, wer hat vertuscht, wer hat weggesehen, wer sind die Skrupellosen, die abkassiert und sich mit dem Geld der Bürger bereichert haben? Das muss unbedingt aufgedeckt werden.“

Naftemporiki (GR) /

Istanbuls Ruf als Finanzzentrum in Gefahr

Erdoğan steht vor einem Dilemma, schreibt Naftemporiki:

„Wenn die Ermittlungen auf den unteren Hierarchie-Ebenen enden, bleiben Zweifel, ob es politische Protektion gab. Reichen sie höher, könnte der Skandal Verluste im Regierungslager verursachen. Und so hat das 18-Milliarden-Dollar-Fiasko eine weitaus größere Tragweite erhalten. Es droht – zumindest bislang – nicht, die türkische Wirtschaft in eine Systemkrise zu stürzen. Es droht jedoch, einen Teil des Glaubwürdigkeitskapitals zunichte zu machen, das Ankara seit drei Jahren wieder aufzubauen versucht. Und für einen Erdoğan, der die Türkei als große Wirtschaftsmacht, Istanbul als internationales Finanzzentrum und das Land als sicheres Ziel für ausländisches Kapital präsentieren will, könnte sich dies als die teuerste Rechnung von allen erweisen.“