Brasilien hat gewählt: Lula neuer alter Präsident

Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva hat die Stichwahl um das brasilianische Präsidentenamt knapp gewonnen. Der Linkspolitiker erhielt am Sonntag 51,8 Prozent der gültigen Stimmen, sein rechter Herausforderer Flávio Bolsonaro kam auf 48,2 Prozent. Die Kommentatoren fragen, wohin sich das Land in Lulas vierter Amtszeit entwickelt.

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Süddeutsche Zeitung (DE) /

Er bleibt wichtige Antworten schuldig

Der Lateinamerika-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Jan Heidtmann, fragt sich, was der Wahlsieger Brasilien eigentlich noch zu bieten hat:

„Der Präsident und seine Anhänger haben zwar noch einmal alle Kräfte mobilisiert, aber inhaltlich befinden sie sich an einem toten Punkt. Trotz jahrzehntelanger Regierungsgewalt haben sie keine überzeugenden Antworten auf die drängendsten Probleme der Brasilianer gefunden: die überbordende Kriminalität, die Korruption bis in die höchsten Posten der Politik und die Verschuldung vieler Menschen. ... Sie müssen im laufenden Betrieb entwickeln, was der Bewerbung da Silvas von Anfang an gefehlt hatte: Die überzeugende und fundierte Erzählung, weshalb ausgerechnet ein Politikveteran wie Lula da Silva für die Zukunft Brasiliens stehen soll.“

La Repubblica (IT) /

Das letzte große Bollwerk

La Repubblica porträtiert begeistert den Sieger:

„Was für eine epische Geschichte – das Leben und die Karriere von Luis Inácio Lula da Silva. Er ist das letzte große Bollwerk der südamerikanischen Linken. ... Diesmal stand die Demokratie auf dem Spiel. Und er, der in der ersten Runde unterlegen war, ist erneut auferstanden. Er ist der erste Präsident, der eine vierte Amtszeit gewonnen hat. Die Gewerkschaftsbewegung, die Gründung der Partido dos Trabalhadores, die Wahl, die Korruptionsvorwürfe, die Haft, die Wiederwahl, die Krankheit und der gegen ihn gerichtete Putschversuch: Das sind Eckpfeiler einer Geschichte, die immer wieder fasziniert und inspiriert, aber auch gespalten hat: In Brasilien liebt man ihn oder man hasst ihn. Und gestern Abend hat die Liebe gesiegt.“

Politiken (DK) /

Linkskurs landesweit nicht durchsetzbar

Lulas Wahlerfolg bedeutet nach Ansicht von Politiken nicht automatisch linke Politik:

„Der Sieg von Lula bedeutet keineswegs, dass die Politik und der harte Wertekampf in Brasilien in den nächsten vier Jahren nach links weisen werden. Die Rechte hat nämlich im nationalen Parlament und in den Bundesstaaten deutlich an Boden gewonnen. Im nationalen Parlament liegt die Mehrheit rechts von der Mitte. ... In den Bundesstaaten, die den Amazonas-Regenwald umfassen, gibt es mehr Gouverneure aus dem rechten Lager als zuvor, und diese sind mehr darauf bedacht, Landwirten, Landbesitzern und Bergbauunternehmen zu helfen, als sich um Umweltschutzvorschriften zu kümmern.“