Was ist von Deutschlands Militärstrategie zu halten?
Die Bundeswehr soll die "konventionell stärkste Armee Europas" werden. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) präsentierte eine entsprechende Militärstrategie und nannte ausdrücklich Russland als Bedrohung, auf die sich Deutschland einstellen müsse. Die Zahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten soll bis 2035 von derzeit rund 185.000 auf 260.000 steigen, die Zahl der Reservisten auf 200.000.
Berlin übernimmt endlich Verantwortung
Financial Times lobt die Strategie:
„Im Gegensatz zu Großbritannien und Frankreich, die nach wie vor den Anspruch erheben, weltweit Macht auszuüben, obwohl ihnen die militärischen und finanziellen Mittel dazu fehlen, konzentriert sich Deutschlands Strategie ganz gezielt auf die russische Bedrohung. Berlin sieht Moskau dabei, sich auf eine Konfrontation mit der Nato vorzubereiten, während es bereits eine Kampagne mit 'hybriden' Kriegstaktiken führt, um europäische Länder zu destabilisieren. ... Angesichts seiner blutbefleckten Geschichte des 20. Jahrhunderts könnte die wiedergewonnene militärische Stärke Deutschlands bei einigen Nachbarn Unbehagen auslösen. Doch haben diese weniger vom deutschen Militarismus zu befürchten als von dessen anhaltender Zurückhaltung, die ihm zur Verfügung stehenden Streitkräfte einzusetzen.“
Riesige Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Für die Frankfurter Rundschau ist die entscheidende Frage, wie es der Bundeswehr gelingt, für mehr Nachwuchs zu sorgen:
„Und hier ist die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit noch riesig – auch beim freiwilligen Wehrdienst. Wer junge Männer und Frauen für die Uniform begeistern will, ... sollte sie auch angemessen in Kasernen unterbringen können und nicht Überbelegungen in beliebten Standorten ankündigen. Wenig hilfreich sind auch milliardenschwere Lachnummern wie bei der Umstellung auf den Digitalfunk oder die Probleme, eine einzige Brigade für Litauen aufzustellen. Ganz zu schweigen davon, dass einige Rüstungsprojekte zäh verlaufen und bei anderen sich so mancher fragt, ob das Geld gut investiert ist. Solche Details entscheiden über Wohl und Wehe des Mammutprojekts Umbau der Bundeswehr.“
Kein Zeichen von Aggressivität
Die Politologin und Deutschland-Expertin Maria Chorolskaja sieht in der kremlnahen Iswestija keine von Deutschland ausgehende Bedrohung:
„Bislang erscheinen die von Boris Pistorius genannten Zahlen – 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten – nicht besonders außergewöhnlich. Die derzeitige erhöhte Aktivität des deutschen Verteidigungsministeriums ist weniger auf die Vorbereitung auf aggressive Handlungen zurückzuführen als vielmehr auf das Bestreben, die von den chronischen Einsparungen im Verteidigungsbereich gerissenen Löcher zu schließen. ... Die Militärstrategie sieht bislang eher aus wie ein Versuch, die Bundeswehr in einen einsatzfähigen Zustand zu versetzen, als wie das Streben nach einer aggressiven Remilitarisierung.“