Vor 35 Jahren: August-Putsch in der UdSSR
Am 19. August 1991 riss ein von sowjetischen Hardlinern gebildetes "Staatskomitee für den Ausnahmezustand" (GKTSchP) in Moskau die Macht an sich. Der Putsch gegen den reformorientierten Staatspräsidenten Michail Gorbatschow scheiterte nach drei Tagen am Widerstand der Bevölkerung in den Großstädten und der Führung der Russischen Teilrepublik unter Boris Jelzin. Als Folge zerfiel die UdSSR innerhalb weniger Monate.
Auch ewig scheinende Diktaturen können kippen
Exil-Politiker Maxim Resnik will auf Facebook nicht ausschließen, dass auch das Putin-Regime derart schnell kollabieren kann:
„Das wichtigste Gefühl jener Tage ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: Wenn die Menschen ihre Angst überwinden und gemeinsam auf die Straße gehen, erweist sich selbst die furchterregendste Macht plötzlich als nicht mehr so allmächtig, wie sie schien. ... Ewig scheinende Diktaturen brechen manchmal viel schneller zusammen, als man es sich vorstellen kann. Das GKTschP glaubte auch, alles in der Hand zu haben – Armee, Fernsehen, Staatsapparat… Doch in wenigen Tagen zerfiel alles. Deshalb glaube ich, dass auch die gegenwärtigen Zeiten nicht für immer sind. ... Ich bin mir sicher, dass ich den Anbruch der Freiheit noch erleben werde.“
Damals waren die Menschen nicht eingeschüchtert
Menschenrechtler Lew Ponomarjow erklärt auf Echo, dass zum Zeitpunkt des Putsches in der Sowjetunion weitaus größere politische Freiheiten herrschten als im heutigen Putin-Russland:
„Das heutige Russland unterscheidet sich grundlegend vom Russland des Jahres 1991. Damals war der Freiraum über mehrere Jahre hinweg konsequent erweitert worden. Politische Gefangene kamen frei. Die Zensur wurde gelockert. Es entstanden unabhängige Organisationen. Es fanden kompetitive Wahlen statt. Hunderttausende konnten an Kundgebungen teilnehmen und nach Hause gehen, ohne mit massenhafter Verfolgung rechnen zu müssen. Großer Verdienst daran gebührt dem Staatschef der UdSSR selbst: Michail Gorbatschow. Die Angst schwand allmählich. Heute vollzieht sich ein umgekehrter Prozess.“
Der kommunistische Glaube hatte sich überlebt
Da die UdSSR in erster Linie durch eine überholte Ideologie definiert war, war ihr Zerfall unvermeidlich, schreibt Neatkarīgā:
„Die ideologische Grundlage dieses Staatsgebildes – der Kommunismus – war gescheitert. Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken war schon ihrem Namen nach kein geografisch-territoriales Gebilde. Obwohl sie in den Köpfen vieler, nicht nur in der UdSSR, sondern auch im Rest der Welt, eine alternative Bezeichnung für Russland war, handelte es sich in Wirklichkeit um ein theokratisches, exterritoriales Gebilde, in dem der Kommunismus die herrschende Ideologie war. Die UdSSR war ein Staat, in dem die Macht nicht bei administrativen, säkularen Strukturen, sondern bei Parteistrukturen (einer kommunistischen Kirche) lag.“
Vergebliche Suche nach dem designierten Statthalter
Delfi-Chefredakteur Urmo Soonvald konstatiert Estland ein Defizit bei der Aufarbeitung der Sowjetzeit:
„Seit 35 Jahre lang wird in Estland auf kleiner Flamme diskutiert und versucht herauszufinden, wer nach dem Putsch – zunächst in Moskau, später in Tallinn – hätte Estlands Machthaber werden sollen. In Lettland und Litauen kennt man diesen Namen, bei uns nicht, und die Suche danach ist zu einer Art Nationalsport zum Stichdatum 20. August [Tag der Ausrufung der Unabhängigkeit Estlands] geworden. ... Die Unwissenheit über die jüngste Geschichte macht besorgt und lässt Verdacht aufkommen. Im Vergleich zu anderen ost- und mitteleuropäischen Schicksalsgenossen ist Estland ein Staat, in dem verhältnismäßig wenige Männer und Frauen ans Licht gekommen sind, die mit dem KGB zusammengearbeitet haben.“