Frankreich: Glucksmann wird Präsidentschaftskandidat
Der EU-Abgeordnete Raphaël Glucksmann ist zum Präsidentschaftskandidaten des sozialdemokratischen, gemäßigt linken Lagers in Frankreich gekürt worden. Bei einer gemeinsamen Vorwahl seiner Partei Place Publique und der Sozialistischen Partei (PS) lag er mit rund 66 Prozent der Stimmen weit vor dem PS-Vorsitzenden Olivier Faure und der ehemaligen Ministerin Ségolène Royal. Was bedeutet das für die Linke?
Da liegen noch Steine im Weg
Es wird nicht leicht für den Kandidaten, beobachtet La Repubblica:
„Glucksmanns Plan ist es, sowohl gegenüber La France Insoumise als auch dem politischen Erbe Emmanuel Macrons unabhängig zu bleiben. Diese Linie birgt jedoch die Gefahr, andere Teile der Linken zu verprellen, und die Spaltungen könnten sich auch auf die Organisation des Wahlkampfs des neuen Präsidentschaftskandidaten auswirken. Glucksmann hat sich zwar die Kandidatur gesichert, kontrolliert aber nicht den Apparat der Sozialistischen Partei mit ihrem Netzwerk aus Verbänden, Aktivisten, Kommunalpolitikern und finanziellen Mitteln. Um sich im landesweiten Wahlkampf zu behaupten, wird er genau den Apparat unter der Führung von [dem PS-Vorsitzenden Olivier] Faure, den er gerade erst geschlagen hat, mobilisieren müssen.“
Imagepflege ist angesagt
La Stampa versucht vorherzusehen, wie Glucksmann nun vorgehen wird:
„Vor allem wird es keine Kompromisse mit der radikalen Linken um Mélenchon geben, die – genau wie die Grünen – nicht an den Vorwahlen teilgenommen hat. Gerade der Tribun von La France Insoumise, der im März Witze über Glucksmanns Nachnamen jüdischen Ursprungs gemacht hatte, ist in diesen Tagen wiederholt ins Visier des sozialdemokratischen Kandidaten geraten, der ihm Antisemitismus vorwarf. Neben dem Programm muss der Europaabgeordnete auch intensiv an seinem Image arbeiten. ... Von seinen Kritikern wegen seiner liberal geprägten Vorschläge als 'linker Macron' bezeichnet, wird Glucksmann versuchen, den Eindruck eines Pariser Intellektuellen abzuschütteln, der keinen Bezug zu den tatsächlichen Problemen der Menschen hat.“
Chance zur Neuausrichtung
Die französische Linke steht vor einer Richtungsentscheidung, schlussfolgert Le Temps:
„Jean-Luc Mélenchon und Raphaël Glucksmann haben keinen Hehl daraus gemacht, dass sie nicht Hand in Hand arbeiten möchten. … Das hat zumindest einen Vorteil: Es schafft eine klare Entscheidungsmöglichkeit. ... Nun stehen hinter den beiden wichtigsten Gesichtern im Kampf um den Elysée-Palast zwei unterschiedliche Vorstellungen von der französischen Gesellschaft und der Welt, zwischen denen sich die linken Wähler entscheiden können. … Damit steht die Linke vor einer entscheidenden Phase, die ihr über den Präsidentschaftswahlkampf hinaus die Gelegenheit bieten wird, ihre künftige Neuausrichtung voranzutreiben.“