US-Vorwahlen: Sanders bekommt echte Konkurrenz

Bislang galt Ex-Vize-Präsident Joe Biden nicht als aussichtsreicher demokratischer Kandidat bei den US-Vorwahlen: Bernie Sanders lag klar vorn. Dann kam der Super Tuesday und Biden konnte überraschend 10 von 14 Bundesstaaten für sich gewinnen. Bewerber wie Pete Buttigieg und Michael Bloomberg schieden indes aus. Europas Presse diskutiert Bidens Überraschungssieg als Chance für die Demokraten.

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Corriere del Ticino (CH) /

Endlich eine klare Mitte-Positionierung

Endlich haben die Demokraten wieder ihr Zentrum gefunden, freut sich Kolumnist Gerardo Morina in Corriere del Ticino:

„Der eigentliche Gewinner dieser Vorwahlen ist zweifellos die Demokratische Partei selbst. Ihr ist ein Befreiungsschlag gelungen. Sie hat das Bild der zersplitterten und uneinigen Partei gänzlich von sich abgeschüttelt und wieder zum Zusammenhalt zurückgefunden. Dies geschah, weil die Demokraten eine klare Entscheidung getroffen haben: Die zumindest partielle Abkehr von Sanders, der mit seinen 'radikalen' Positionen als der am wenigsten geeignete Kandidat gilt, um den Republikaner Donald Trump zu besiegen. Sie geht mit einer Neuorientierung einher, die mit Biden zeigt, dass die Partei sich nun wieder geschlossen in der Mitte positionieren will.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE) /

Der Albtraum von Donald Trump

Biden ist der Worst Case für Donald Trump, glaubt die Frankfurter Allgemeine Zeitung:

„Der Präsident ... hält an seiner schon vor fünf Jahren gebildeten Überzeugung fest, dass Joe Biden sein Albtraum-Gegner wäre. Deshalb hatte er ja alles darangesetzt und sogar seine Amtsenthebung riskiert, um dem Demokraten eine ukrainische Korruptionsaffäre anzuhängen. Und deshalb wird Trump jetzt noch intensiver versuchen, die Demokraten zu spalten, indem er die Legende einer Verschwörung gegen Bernie Sanders weiterspinnt. ... [W]enn Sanders seinen eigenen Worten glaubt, dass Trump 'der gefährlichste Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten' sei, dann darf er nicht ... das Vorwahlverfahren der Demokraten in den Schmutz ziehen. Nicht 'das Establishment' hat Joe Biden am Dienstag ein gewaltiges Comeback beschert. Sondern viele Millionen Amerikaner, die auf ein Ende der Ära Trump hinfiebern.“

The Daily Telegraph (GB) /

Biden wäre der bessere Verlierer

Joe Biden wird Donald Trump nicht besiegen können, ist aber dennoch der Richtige, um für die Demokraten ins Rennen zu gehen, urteilt The Daily Telegraph:

„Es wäre einfach schrecklich für die Partei, die Präsidentschaftswahl und wahrscheinlich auch eine Reihe der Sitze zu verlieren, nachdem man sich dem sozialistischen Programm Sanders verschrieben hätte. Die Partei würde - wie hier Labour nach Corbyn - in ein ideologisches Loch fallen, aus dem sie nur schwer wieder rauskommen würde. Zudem wäre ihre Glaubwürdigkeit auf Generationen beschädigt. Kurz gesagt: So unspektakulär die Aussicht auch sein mag, Joe Biden wäre der wahrscheinlichste Gewinner der Demokraten - und der weniger schädliche Verlierer. “

Ekho Moskvy (RU) /

Sanders fehlt das Vertrauen der Basis

Wirtschaftsprofessor Konstantin Sonin ist in seinem Blog bei Echo Moskwy der Meinung, dass Sanders seinen Vorsprung leichtfertig verspielt hat:

„Bidens Auferstehung aus der Asche, dieses alten Washingtoner Insiders, der Namen, Daten und selbst Worte durcheinander wirft, beruht darauf, dass es einem wesentlichen Teil der Demokraten-Wähler egal ist, wer ihr Kandidat wird. Sie interessiert nur eines: der Sieg im Herbst. ... Sanders weckt bei ihnen kein Vertrauen hinsichtlich eines Siegs über Trump. Während des Monats, in dem er das Rennen anführte, hat er nie erklärt, wie er die Partei nach seinem Sieg einen möchte. In der Folge unterstützten die Anhänger Buttigiegs und Klobuchars Biden. Mich wundert das etwas, denn Biden sieht für Trump wie der leichteste Gegner aus. Das Rennen ist zwar noch nicht vorbei, aber Sanders hat offenbar seinen soliden Vorsprung verspielt.“