Spanien: Vertrauliche Akten zum Staatsstreich geöffnet

Am 45. Jahrestag des Putschversuchs vom 23. Februar 1981 hat die spanische Regierung angekündigt, bislang geheim gehaltene diesbezügliche Akten freizugeben. Seit dem heutigen Freitag sind sie online einsehbar. Das Scheitern des Militärputsches war ein Schlüsselmoment der sogenannten "Transición", dem Übergang zur Demokratie nach dem Tod des langjährigen Diktators Francisco Franco im Jahr 1975.

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El País (ES) /

Jetzt alle dunklen Geheimnisse lüften

El País will mehr:

„Die Entscheidung schafft einen Präzedenzfall, der keine Ausnahme bleiben sollte. ... Historiker, Parteien und Journalisten fordern seit Jahren Einsicht in die vertraulichen Unterlagen zum 23. Februar. Sie wollen auch der Anomalie ein Ende setzen, dass ein aus Diktaturzeiten stammendes Gesetz zum Umgang mit Staatsgeheimnissen weiterhin in Kraft ist. ... Die Regierung kann nun auch [andere] undurchsichtige Aspekte lüften, aus den letzten Jahren des Franco-Regimes und dem Übergang zur Demokratie, wie den schmutzigen Krieg gegen die ETA. ... Die Geheimhaltung der meisten dieser Ereignisse ist heute sinnlos. Eine solide Demokratie misst sich auch an ihrer Fähigkeit, ihre Vergangenheit zu analysieren, selbst die dunkelsten Kapitel.“

El Mundo (ES) /

Transparenz geht anders

Hier soll das Veröffentlichen belangloser historischer Akten von aktuellen Defiziten ablenken, ist sich El Mundo sicher:

„Die Freigabe bringt keine wesentlichen neuen Erkenntnisse und bestätigt die entscheidende Rolle von König Juan Carlos I. bei der Abwehr des Putschversuchs. ... Angesichts der geringen Relevanz des von der Regierung veröffentlichten Materials lässt sich leicht erkennen, dass es sich um ein Ablenkungsmanöver handelt. ... Im Interesse der Demokratie wäre es wünschenswert, dass die Regierung die plötzliche Transparenz, mit der sie in Bezug auf die Vergangenheit prahlt, auch auf die Gegenwart anwendet.“

El Periódico de Catalunya (ES) /

Neuer Reifegrad im Umgang mit Vergangenheit

Es ist Zeit, den Übergang von Diktatur zur Demokratie nicht mehr metaphorisch zu umschreiben, sondern auf die Fakten zu schauen, findet El Periódico de Catalunya:

„Es mussten erst neue Generationen kommen, damit das Narrativ der spanischen Gesellschaft als Kollektivheld und dessen großes Abenteuer der Transición zunächst nuanciert betrachtet, dann kontrovers diskutiert und schließlich offen hinterfragt werden konnte. ... Und nun, wo die Mentoren der Idee des Kollektivhelden tatsächlich oder politisch tot sind, hat Pedro Sánchez beschlossen, die Dokumente freizugeben. Das stärkt die demokratische Legitimität, sollte das Vertrauen in die Institutionen fördern und Gerüchte und Verschwörungstheorien bekämpfen.“