Verbotsdebatte: Foie-Gras-Graben in der Schweiz?

Das Schweizer Parlament hat nach heftiger Debatte eine Initiative von Tierschützern für ein Importverbot von Stopfleber abgelehnt und sich stattdessen für eine Deklarationspflicht ausgesprochen. Die Herstellung des traditionellen französischen Foie Gras ist in der Schweiz bereits verboten. Kommentatoren beleuchten, warum die Diskussion so hitzig geführt wird.

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Neue Zürcher Zeitung (CH) /

Als hinge die Zukunft von Stopfleber ab

Die NZZ staunt über das rhetorische Geschütz, das Politiker in der Debatte auffahren:

„Wer glaubt, das Wort Stopfleber löse bloss bei überzeugten Tierschützern heftige Reaktionen aus, irrt sich. Zumindest im Bundeshaus [Sitz von Parlament und Regierung] bringen Politiker ganze Selbst- und Weltbilder damit in Verbindung. ... Gleich mehrfach verwiesen Redner darauf, dass die Initiative nicht bloss den 'Zusammenhalt der Schweiz', sondern auch den bilateralen Weg gefährden könnte. ... In der Botschaft zur Initiative schreibt der Bundesrat, Importverbote seien 'schwerwiegende Eingriffe in den freien Handel' und würden die Abkommen mit der EU verletzen. Mit 'Handelsstreitigkeiten' sei zu rechnen. Offenbar gibt es ... kaum einen Themenkomplex, der nicht mit Foie gras zusammenhängt.“

24 heures (CH) /

Wichtige kulinarische Traditionen

In dieser Debatte muss Frankreich als kulinarischer Bezugspunkt verstanden werden, urteilt 24 heures:

„Es ist eine Untertreibung zu sagen, dass wir in der Schweiz beim Inhalt unserer Teller von unseren Nachbarn beeinflusst werden. Für uns Romands ist das Frankreich, dessen 'gastronomisches Mahl' seit 2010 zum immateriellen Kulturerbe der Unesco zählt. Dazu gehört auch Foie gras, die traditionell auf den Festtagstischen steht. ... Frankreich ist ein Land, in dem Traditionen stark in den Regionen verankert sind. ... Diese französische Realität zu kennen, ist unerlässlich, um die Verbundenheit der frankophonen Schweiz mit regionalen Produkten zu verstehen. … Heute bleibt den Romands nur zu hoffen, dass die Mehrheit aus der Deutschschweiz uns nicht dazu zwingt, jedes Mal nach Frankreich zu fahren, um Foie gras zu genießen.“

Le Temps (CH) /

Zwei Sichtweisen auf die Eidgenossenschaft

Das ist mehr als nur ein Streit ums Essen, urteilt Le Temps:

„Im Grunde genommen ist diese Debatte wie ein Spiegel: Sie sagt nicht nur etwas über unsere Speisen aus, sondern offenbart auch unser Verhältnis zu Freiheit, Verantwortung und unseren eigenen Widersprüchen. Muss man bis zum Ende konsequent sein, auch wenn das ein Verbot bedeutet? Oder sollte man im Namen der individuellen Freiheit und des kulturellen Pluralismus ein gewisses Maß an Inkonsistenz akzeptieren? Der Nationalrat hat ein Verbot vermieden, aber er hat die Kluft nicht geschlossen. Denn im Grunde fand die Debatte nicht nur in unseren Küchen statt, sondern zwischen zwei Sichtweisen auf die Schweiz, die sich wohl noch lange nach diesen Debatten sehr gegensätzlich gegenüberstehen werden.“