Iran: Was bringt die Waffenruhe?
Nach dem Beginn der zweiwöchigen Waffenruhe im Iran-Krieg wachsen Zweifel daran, ob die Feuerpause halten wird. Israel verstärkt seine Angriffe im Libanon, Teheran sieht dies als Bruch der Vereinbarung. Die Öffnung der Straße von Hormus scheint erneut unsicher. Am Samstag sollen Verhandlungen zwischen Iran und den USA in Pakistan beginnen. Europas Presse zieht eine ernüchternde Zwischenbilanz.
Es gibt nur Verlierer
Dass sich nun sowohl die USA als auch der Iran als Gewinner darstellen, findet Avvenire entlarvend:
„Denn es ist völlig klar, dass in diesem Konflikt alle ohne Unterschied besiegt wurden. Das iranische Regime macht sich etwas vor und glaubt, es habe gesiegt, nur weil es nicht vollständig gestürzt wurde: ein schwacher Trost für ein Machtsystem, das von einem Großteil der Bevölkerung verachtet wird, durch die Ermordung vieler seiner Anführer noch gewalttätiger und brutaler geworden ist und inmitten der Trümmer regiert. Doch auch Präsident Trump ist besiegt. Er wirkt realitätsfern, verloren in seinem übersteigerten Ego und mit rapide sinkender Zustimmung im Inland.“
Allesamt Kriminelle
Aus seiner Verachtung für die Machthaber der USA, Israels und des Iran macht Politiken kein Hehl:
„Nun sollten Frieden und Diplomatie eine Chance erhalten. Die Dynamik des Kriegs hat den Nahen Osten an den Rand des Zusammenbruchs gebracht und droht, die ganze Welt in eine Krise zu stürzen. Doch die Konflikte in der Region lassen sich nicht militärisch lösen, wie die letzten Wochen einmal mehr gezeigt haben. Die Machthaber der USA, Israels und des Iran sind allesamt Kriminelle. Trump wurde in den USA verurteilt, Netanjahu werden Kriegsverbrechen vorgeworfen, und der iranische Präsident hat Terrorismus unterstützt und gefördert. Doch selbst sie sollten nach der jüngsten Zerstörungswelle erkennen, dass weiterer Krieg nur zu Chaos führt.“
Jede Seite hat ihre eigene Version
Eine gemeinsame Basis vermisst Politologe Kirill Rogow in einem Post auf Facebook:
„Derzeit sieht es so aus, als hätten die drei Beteiligten - die USA, der Iran und Israel - jeweils ihren eigenen Waffenstillstand geschlossen, dessen Bedingungen und Verpflichtungen den anderen nicht vollständig bekannt sind und sich zudem voneinander unterscheiden. Im Grunde existiert er in schriftlicher Form gar nicht und ist lediglich ein rhetorisches Konstrukt, das das Ausbleiben des zuvor von Trump versprochenen vernichtenden Schlags gegen den Iran erklärt.“
Jetzt baut der Iran die Atombombe erst recht
Für Verhandlungen befindet sich Teheran in einer guten Position, meint die Frankfurter Allgemeine Zeitung:
„Gerade Trumps verbliebene Anhänger würden ihn kaum dafür feiern, nach vierzehn Tagen Waffenruhe wieder einen Krieg aufleben zu lassen, den sie nie wollten. Die Mullahs dagegen können jetzt den Iranern sagen, sie hätten mit ihrer Verhandlungsbereitschaft die Vernichtung ihrer Zivilisation verhindert. Trump lieferte mit seiner apokalyptischen Drohung dem Regime auch noch das beste Argument, warum eine nukleare Bewaffnung notwendig sei. Es würde sehr verwundern, wenn die Mullahs nach diesem Krieg den Versuch aufgäben, an die Atombombe zu kommen.“
Vertrauensverlust für Golfstaaten ist unumkehrbar
Für die Golfstaaten hat dieser Krieg sämtliche Gewissheiten erschüttert, glaubt The Economist:
„Sie zählen zu den größten Verlierern. Die wirtschaftlichen Kosten des Kriegs belaufen sich auf mehrere zehn Milliarden Dollar: entgangene Öl- und Gaseinnahmen, Schäden an kritischer Infrastruktur, die Kosten für Luftabwehrraketen. Der Imageschaden dürfte noch größer sein. ... Vor dem Krieg hatte die Region jahrzehntelang relativen Frieden genossen. Sie sah sich als Handelsdrehscheibe, die von den vielen Konflikten im Nahen Osten verschont blieb. Die USA würden für Sicherheit sorgen, während man zugleich engere Beziehungen zu Russland und China anstrebte; für manche bot auch die Annäherung an Israel die Aussicht auf einen verlässlichen Verbündeten gegen den Rivalen in Teheran. Der Krieg hat diese Annahmen auf einen Schlag zunichtegemacht.“
Warum in Pakistan verhandelt wird
Dass ausgerechnet Pakistan dieser überraschende Durchbruch gelungen ist, hat gute Gründe, erläutern die Salzburger Nachrichten:
„Das Land mit 250 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern pflegt seine guten Beziehungen zum schiitischen Nachbarn Iran. ... Mit Saudi-Arabien, dem großen sunnitischen Konkurrenten des Iran im Nahen Osten, hat die Atommacht Pakistan 2025 ein Verteidigungsbündnis geschlossen. Und: China betreibt seit 2013 den pakistanischen Tiefwasserhafen Gwadar und sieht das Land als Hauptverbündeten im Vorderen Orient. Sollte es dem pakistanischen Premier gelingen, mehr als einen kurzfristigen Waffenstillstand zu erreichen, kann er sich dabei also auf die massive Unterstützung in der Region verlassen.“