Warum greift Israel weiter im Libanon an?

Israel hat erklärt, dass die zwischen Washington und Teheran vereinbarte Waffenruhe nicht für seinen Krieg gegen die Hisbollah-Miliz im Libanon gilt und seine Angriffe fortgesetzt. Laut libanesischem Gesundheitsministerium starben am Mittwoch bei israelischen Angriffen mehr als 180 Menschen. Kommentatoren analysieren die Rolle des israelischen Premiers Netanjahu in diesem Krieg.

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Corriere della Sera (IT) /

Netanjahu hat verloren

Netanjahu war der Einzige, der die Waffenruhe nicht persönlich verkündete, hat Corriere della Sera beobachtet:

„Teils, weil er sie nicht entschieden hatte, teils, um zu vermeiden, dass sein Name erneut mit dem Wort Waffenruhe in Verbindung gebracht wird. Schließlich stehen Wahlen an, und das, was von 'Mr. Security' noch übrig ist, kann es sich nicht leisten, schwach zu wirken. Von den Israelis, die fünf Wochen lang zwischen unterirdischen Bunkern hin und her pendelten, wurden 19 durch iranische Raketen getötet, Schulen geschlossen, der Flughafen Ben Gurion blockiert, jüdische Feiertage ruiniert. ... Das angereicherte Uran [des Iran] ist irgendwo in den Bergen versteckt, ein Regimewechsel hat nicht stattgefunden und die Schätzungen der Raketenzerstörung sind widersprüchlich.“

Tygodnik Powszechny (PL) /

Weiterer Imageschaden

Israels Bilanz in diesem Krieg ist zwiespältig, schreibt Tygodnik Powszechny:

„Einerseits hat Israel seine Überlegenheit gegenüber dem Iran unter Beweis gestellt (auch wenn unklar ist, wie lange es sich allein weiterhin wirksam gegen Raketenangriffe des iranischen Revolutionsgarden-Korps verteidigen könnte). Israel hat zudem sein enges Bündnis mit Amerika bekräftigt. Auf der anderen Seite jedoch haben die brutalen Luftangriffe auf den Iran, die Zerstörung ganzer Dörfer und der Infrastruktur im Südlibanon sowie ständige diplomatische Auseinandersetzungen mit Ländern wie Frankreich oder Spanien die Weltöffentlichkeit sehr negativ auf den jüdischen Staat eingestellt.“

Adevărul (RO) /

Es geht um die Deutungshoheit

Die Rolle Netanjahus analysiert der Militärexperte Alexandru Grumaz in Adevărul:

„Er hat eine Waffenruhe mit der Hisbollah ausdrücklich ausgeschlossen. Die libanesische Front bleibt also aktiv und das kann die Krise jederzeit weiter eskalieren lassen. Israel hat ein eigenes Interesse daran, ein Abkommen zwischen den USA und dem Iran zu sabotieren, denn das würde seinen eigenen Einfluss schmälern. … Es ist unwahrscheinlich, dass ein vollständiges und überprüfbares Abkommen in zwei Wochen vorliegt. Seit 20 Jahren scheitern die Verhandlungen über die iranische Atomfrage. Zwei Wochen reichen also für eine strukturelle Lösung nicht aus. … Aber in erster Linie geht es wohl nicht um das endgültige Abkommen, sondern darum, wer am Ende der zwei Wochen die Deutungshoheit hat.“