Portugal: Sollte Saramago Pflichtlektüre bleiben?

Eine Lehrplanänderung sorgt in Portugal für Streit. Der einzige Literaturnobelpreisträger des Landes, José Saramago, soll künftig keine Pflichtlektüre mehr sein. Saramago, bis zu seinem Tod im Jahr 2010 ein bekennender Kommunist, hatte im Streit mit den Konservativen das Land in den 1990er Jahren verlassen. Vor diesem Hintergrund führt der Vorschlag der nun erneut regierenden Konservativen zu einer hitzigen Debatte.

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Visão (PT) /

Gegengift gegen Unwissenheit

Der Lehrer und Dichter João Paulo Santos gibt in Visão zu bedenken:

„Es geht nicht darum, José Saramago zu vergöttern, sondern zu verstehen, dass das Streichen literarischer Grundpfeiler aus dem Lehrplan in einer von Oberflächlichkeit geprägten Zeit ein unfreiwilliges Geschenk an die Unwissenheit ist. Und Unwissenheit wächst, anders als man denkt, nicht von heute auf morgen – sie wächst langsam, unauffällig, bis sie zur Normalität wird. Man muss den portugiesischen Nobelpreisträger ja nicht heiligsprechen. Aber vielleicht wäre es klug, ihn als festen Bezugspunkt in einem Land beizubehalten, das verzweifelt Texte braucht, die zum Nachdenken anregen. Die Schule ist kein Feind der Freiheit – aber sie darf auch kein Komplize der Desinformation sein.“

Observador (PT) /

Lasst die Lehrer entscheiden!

Mehr Entscheidungsfreiheit für Lehrer hält Filmemacher Tiago Roma Almeida für richtig und wendet sich in Observador an die Kritiker:

„José Saramago ist einer der großen portugiesischen Schriftsteller, daran besteht kein Zweifel. … Zu behaupten, der betreffende Autor werde nun erneut verfolgt, ist ein Witz. [Bildungsminister] Fernando Alexandre hat lediglich vorgeschlagen, den Unterricht über José Saramago nicht mehr verpflichtend zu machen. Der Vorschlag lässt sich so zusammenfassen: Wer die Werke des Nobelpreisträgers unterrichten möchte, unterrichtet sie; wer nicht möchte, unterrichtet sie nicht. Leben und leben lassen. Probiert es aus, es wird euch gut tun! … Alles dient euch als Vorwand zur Kritik, wenn mal keine linke Partei an der Regierung ist.“

Público (PT) /

Unbequeme Schriftsteller nicht von der Bühne drängen

Carlos Reis, emeritierter Professor der Universität Coimbra, befürchtet in Público, dass die Konservativen eine kritische Stimme zum Schweigen bringen wollen:

„Beginnen wir damit, einen unbequemen Schriftsteller im Namen der Vielfalt sanft in den Halbschatten der freien Auswahl zu drängen; danach kommt dann der Schatten. Und vielleicht geht die Sache auf diese Weise vorüber. … Was wir mit José Saramago tun, ist weder harmlos noch ohne Folgen für die Zukunft. Was wir mit ihm und anderen tun, spiegelt unsere Sicht auf die Literatur und die prägende Kraft wider, die wir in ihr schätzen.“