Ukrainekrieg: Gerät Moskau ins Hintertreffen?

Russische Truppen rücken im Osten der Ukraine kaum noch vor. Militärexperten begründen dies vor allem mit der Dominanz ukrainischer Drohnen – nicht nur im Luftraum an der Frontlinie, sondern auch über dem angrenzenden Hinterland des Angreifers. Auch werden die ukrainischen Angriffe auf Industrie- und Energieanlagen tief in Russland immer massiver. Kommentatoren sehen eine militärische Wende.

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Der Standard (AT) /

Nicht mehr zu bezahlen und zu gewinnen

Russland hat sich mit dem Krieg überhoben, meint Der Standard:

„Vieles spricht nämlich dafür, dass Russlands Machthaber längst nach einer Exitstrategie sucht. Mit jedem Tag, der an der Front und abseits davon vergeht, tritt deutlicher zutage, wie kolossal sich Putin verspekuliert hat. Russland, vermeintlich zweitgrößte Militärmacht der Welt, ist vier Jahre nach Beginn seiner Vollinvasion drauf und dran, den Krieg zu verlieren. ... Weil wegen der gelockerten US-Sanktionen kurzfristig wieder mehr Geld in Russlands Kriegskasse fließt, hat Putin Zeit gewonnen. Er muss sie nutzen, um einen Ausweg zu finden. Finanzierbar ist sein Krieg nämlich trotz der Verschnaufpause nicht mehr. Gewinnen wird er ihn auch nicht mehr.“

Sergej Medwedew (RU) /

"Hausfrauen" siegen im Drohnenkampf

Die Ukraine hat in den letzten Monaten eine Revolution in der Kriegsführung vollbracht, schreibt Politologe Sergej Medwedew auf Facebook:

„Ukrainische 'Middle strike'-Drohnen operieren nun ungehindert in einer Tiefe von 300 Kilometern im operativen Hinterland und gegen die Reserven der russischen Streitkräfte, während FPV-Drohnen praktisch eine Mauer an der Frontlinie errichtet haben und jegliches Eindringen kleinerer russischer Gruppen unterbinden. ... Es ist die mit einem 3D-Drucker bewaffnete 'ukrainische Hausfrau' (so die abfällige Formulierung des Rheinmetall-Chefs Papperger), die die mächtige russische Rüstungsindustrie besiegt – und das ist ohne jeden Zweifel eine Revolution und ein Sieg vernetzter Organisation über den hierarchischen militärisch-industriellen Komplex.“

Karl Volokh (UA) /

Russlands Feldzug stockt

Blogger Karl Woloch analysiert auf Facebook:

„Die Offensive der russischen Armee ist praktisch gescheitert, und der Preis, den sie für jeden den ukrainischen Streitkräften abgerungenen Kilometer zahlt, ist deutlich gestiegen. ... In den letzten drei Monaten gelingt es den Moskauer Kräften nicht, ihre Verluste durch neue Vertragssoldaten auszugleichen. … Der ständige Verweis von [Kreml-Sprecher] Dmitri Peskow auf die Bereitschaft, den Krieg zu beenden, falls wir uns aus dem Donbass zurückziehen (von den 'Zielen der Spezialoperation' spricht er bereits nicht mehr), könnte durchaus bedeuten, dass im Kreml das Bewusstsein wächst, dass seine Verhandlungspositionen schwächer werden.“