Angriff auf Kyjiw: Eskalation oder Drohkulisse?

Russland hat in der Nacht auf Sonntag die Ukraine mit etwa 90 Raketen, 600 Drohnen und einer Mittelstreckenrakete vom Typ Oreschnik angegriffen. Die meisten Ziele lagen im Großraum Kyjiw. Danach warnte das russische Außenministerium vor weiteren Angriffen auf die "Entscheidungszentren" und riet Ausländern und Diplomaten, sich in Sicherheit zu bringen. Die EU wies diese Aufforderungen zurück.

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Igor Eidman (RU) /

Kreml setzt ein letztes Mal auf Trump

Der Soziologe Igor Eidman sieht auf Facebook in der Androhung weiterer Angriffe ein Indiz russischer Verzweiflung:

„Nun ist endgültig klar, dass der Kreml nicht die Ukrainer einschüchtert (die lassen sich nicht einschüchtern, als hätte man Kyjiw zuvor nicht beschossen), sondern Trump. Sozusagen: Jetzt hauen wir so rein, dass dein Fiasko als 'Friedensstifter' offensichtlich wird. Die Schwachköpfe hoffen, dass Trump dadurch Selenskyj zur Kapitulation zwingen kann. Das ist Russlands letzte Chance. Sonst muss der Krieg beendet werden. Denn an der Front hat sich das Blatt gewendet: Die Lage entwickelt sich zugunsten der Ukraine, die mittlerweile mehr Gebiete befreit als verliert. Wirtschaftlich und beim Stimmungsbild der Russen sieht für Putin auch alles schlecht aus.“

Aargauer Zeitung (CH) /

Kein "Monsterangriff" auf die Hauptstadt

Die Aargauer Zeitung relativiert die Attacke vom Sonntag –insbesondere den Einsatz der teuren Oreschnik-Rakete:

„Tatsächlich setzten die Russen diese relativ neue Mittelstreckenrakete ... nicht gegen die Hauptstadt ein, sondern gegen Bila Zerkwa, eine Ortschaft rund 80 Kilometer von Kiew entfernt. ... Wie nächtliche Videoaufnahmen zeigen, war die Streumunition nicht mit explosiven Gefechtsköpfen ausgerüstet. Es handelt sich somit eher um eine symbolische Attacke, die prompt von russischen Militärbloggern kritisiert wurde. Eine Oreshnik kostet umgerechnet wahrscheinlich mehr als 20 Millionen Franken [rund 22 Millionen Euro]. ... Die Opferzahl hielt sich für einen solchen 'Monsterangriff' denn auch mit vier Toten und knapp 90 Verwundeten im Grossraum Kiew in Grenzen.“

taz, die tageszeitung (DE) /

Europa muss endlich aufwachen

Die taz kritisert die schwache Reaktion der Europäer:

„Ein heißer Sommer 2026 droht Europa nicht nur, er hat bereits begonnen. Der Umgang Europas mit dem Krieg in der Ukraine erweist sich immer offensichtlicher als ungenügend: zu zögerlich im Erkennen des militärisch Nötigen, zu langsam in der Umsetzung finanzieller Zusagen, zu US-fixiert in der Diplomatie. ... Dieser Krieg wird mit der Waffe entschieden und nicht an der schiefen Bahn, die Trump für einen Verhandlungstisch hält. Die Ukraine weiß das. Die Europäer werden es wohl erst merken, wenn es zu spät ist und der Krieg sie direkt erreicht.“