Drohnen über dem Baltikum: Wie muss man sich schützen?

Einflüge größerer Drohnen sorgen in den drei baltischen Staaten für Unruhe: Am Dienstag haben über einem See in Estland erstmals Nato-Kampfjets eine Drohne abgeschossen. Am Mittwoch wurde in Litauens Hauptstadt Vilnius offiziell Luftalarm gegeben. Streit nach Drohneneinschlägen in Lettland in der ersten Mai-Hälfte hatte dort sogar zum Bruch der Regierungskoalition geführt.

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Weltwoche (CH) /

Nato-Territorium wird zum Kriegsgebiet

Die Weltwoche warnt, dass die Nato in einen heißen Krieg hineingezogen werde:

„Meist kommen die Flugkörper aus der Ukraine, auf dem Weg nach Russland. Moskau behauptet, dass Kiew den baltischen Luftraum für seine Angriffe benutzt. Der Vorwurf: Vilnius, Riga und Tallinn sind einverstanden. Entsprechend hat Russland Vergeltung angedroht. Die Ukraine wiederum behauptet, dass Russland die Drohnen ins Baltikum umleite, indem sie elektronisch deren Flugbahn störe. Nato und EU schliessen sich dieser Lesart an. ... Bleiben wir bei unbestreitbaren Fakten, und die sind beängstigend genug: Zwei Kriegsparteien machen Nato-Territorium zum Kampfgebiet. Und noch immer gibt es keine europäische Friedensinitiative.“

Neatkarīgā (LV) /

Lettland wirkt wehr- und planlos

Neatkarīgā kritisiert, dass es in Lettland keinen Abwehrplan gibt:

„Die Anweisung, sich hinter Wänden zu verstecken und sich von Fenstern fernzuhalten, bedeutet im Grunde: Passt auf euch selbst auf! Und was passiert, wenn eine Drohne in die Nähe von Riga fliegt? Wie sieht dann der Verteidigungsplan aus? Sich von Fenstern fernhalten? Sollten unsere unfähigen Staatsführer nicht endlich durch solche ersetzt werden, die einen Plan entwickeln können, der uns allen klar sagt, was zu tun ist, wenn man eine Drohne sieht? Die 'Drohnen-Großmacht' Lettland hat weder eine Drohnenabwehrmauer noch ein Zivilschutzsystem, noch ein Konzept für den Ernstfall, noch ein Gesetz, das den Abschuss von Drohnen erlaubt, noch Waffen, die dazu in der Lage wären.“

Kauno diena (LT) /

Nicht jeder findet Schutz

Dass Warnmeldungen aufs Handy nur dann Sicherheit bringen, wenn man auch Zuflucht suchen kann, stellt Kauno diena klar:

„Der Parlamentsvorsitzende [Juozas Olekas] erklärte umgehend, solche Warnungen würden den Menschen ein größeres Sicherheitsgefühl geben. Nur, wer genau sind in diesem Fall eigentlich 'die Menschen'? Wir erfahren, dass das Staatsoberhaupt (ein Mensch) in einen Schutzraum gebracht wurde, ebenso erhielten die Abgeordneten (ebenfalls Menschen) die Anweisung, ihre Sitzungen zu unterbrechen und Schutz zu suchen. ... Wir erfahren auch, dass längst nicht alle dort Platz fanden. ... Die Frage ist also: Haben sich diejenigen, die keinen Platz im Schutzraum fanden, nach Ansicht des Parlamentsvorsitzenden ebenfalls sicherer gefühlt – oder zählen sie nicht zu den 'Menschen'?“

Delfi (EE) /

Überreagieren schadet mehr

Delfi findet, dass Estland bei den Drohnenvorfällen vernünftiger reagiert hat als Lettland und Litauen:

„Im Nachhinein lässt sich sagen, dass die südlichen Nachbarn überreagiert haben. Man kann zwar sagen, Sicherheit gehe vor, doch wurde dabei ein Teil des normalen öffentlichen Lebens lahmgelegt. ... Eine solche Nervosität kann schwerwiegendere Folgen haben als ein gewisses Maß an Risikobereitschaft. Die von ukrainischen Drohnen ausgehende Gefahr – wenn Russland diese umleitet – ist durchaus real, jedoch nichts, was man übermäßig mystifizieren sollte.“

Eesti Rahvusringhääling (ERR Online) (EE) /

Abwehrnetz mit KI und Robotern keine Utopie

Sicherheitsexperte Meelis Oidsalu fordert in ERR Online zur Drohnenabwehr einen Quantensprung in der Verteidigungstechnik:

„Die Abwehr einer Drohne über besiedeltem Gebiet und in nicht gesperrtem Luftraum kann in Friedenszeiten gefährlicher sein als der Verzicht auf eine Abwehr. ... Ein die Bevölkerung und lebenswichtige Dienste schützendes Drohnenabwehrnetz ist keine unüberwindbare Utopie und muss aufgebaut werden. ... Den militärischen Transfer sowohl in Bezug auf Massenrobotik als auch auf die KI sollte man mit ähnlichem Elan steuern, wie etwa der Übergang zum Euro gesteuert wurde. Andernfalls entfernt sich die Verteidigungsrealität zu weit von uns. Im Vergleich zum Gegner liegen wir bei den Entwicklungen einige Jahre zurück.“