Russland: Warum der Krieg jetzt auch so genannt wird
Russland bezeichnet seinen Angriffskrieg in der Ukraine offiziell als "Spezielle Militäroperation". Wer in Russland öffentlich von einem "Krieg" sprach, konnte sogar bestraft werden. Nun nutzt man im Kreml das Wort immer öfter selbst. "Es ist Krieg, ein echter Krieg", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow und begründete dies damit, dass hinter Kyjiw "auch Berlin, Paris, Den Haag, Oslo und leider auch Washington" stünden.
Einer atomaren Eskalation den Weg bereitet
Die Umbenennung sollte ernst genommen werden, warnt die Kronen Zeitung:
„Man sollte das nicht als Lappalie abtun, meint [der Historiker] Oberst Markus Reisner von der Militärakademie in Wiener Neustadt. Der Hintergrund sei durchaus ernst und wohl als Warnung gedacht. Denn die russische Verteidigungsdoktrin kennt den lokalen, den regionalen, den großen und den globalen Krieg. Spätestens beim Übergang vom regionalen zum großen Krieg, anderen Einschätzungen zufolge aber auch schon beim Übergang vom lokalen zum regionalen Krieg kann es zum Einsatz von Atomwaffen kommen – zumindest von taktischen Kernwaffen mit geringerer Reichweite und Sprengkraft, die auf dem Gefechtsfeld gezündet werden.“
Normalisierung einer harten Realität
Politologe Sergej Medwedew deutet die neue Benennung auf Facebook:
„In diesem Sommer findet in Russland langsam, aber stetig eine Umdeutung des kognitiven Rahmens statt. ... Nach meiner Schätzung wird der Zeitplan wie folgt aussehen: Am 20. September finden [Duma-]Wahlen statt, im Oktober folgen eine neue Mobilmachung und gleichzeitig Ausreisebeschränkungen, im Herbst wird es dann wahrscheinlich erhebliche Ausfälle der Infrastruktur geben sowie systematischere Bombardierungen von Städten. ... Möglicherweise kommt eine Rationierung wichtiger Güter nach Bevölkerungskategorien. Und gleichzeitig geschieht die Normalisierung all dessen unter dem Deckmantel des Krieges, mit Anspielungen auf den Großen Vaterländischen Krieg und einer Verschärfung der patriotischen Propaganda.“
Kreml rechtfertigt eigenes Scheitern
Obosrewatel analysiert:
„Dass der Kreml im Sommer 2026 durch Peskows Worte offiziell einräumt, dass die 'militärische Spezialoperation in einen Krieg übergegangen ist', ist keine Enthüllung der Wahrheit (die ganze Welt hatte ohnehin längst von einem Krieg gesprochen), sondern eine Änderung der innenpolitischen Strategie. Die russische Führung hat lediglich eine offensichtliche Tatsache eingestanden, um gegenüber der eigenen Bevölkerung den langwierigen Charakter der Kämpfe in der Ukraine, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sowie die Notwendigkeit weiterer Mobilisierungswellen zu rechtfertigen.“