The Economist gibt Oligarch Melnitschenko ein Forum
Einer der reichsten Russen, der vorrangig in den Branchen Düngemittel und Energieerzeugung aktive Oligarch Andrej Melnitschenko, hat dem Economist ein ausführliches Interview gegeben. Parallel wurde ein programmatischer Artikel Melnitschenkos unter dem Titel "Warum ein zerschlagenes Russland schlecht für die Welt ist" veröffentlicht. Die Medien sind uneins, wie das einzuordnen ist.
Vom Kreml diktiert
Für Õhtuleht ist der Economist in eine Propagandafalle getappt:
„Begreifen die Redakteure einer der angeblich renommiertesten Publikationen der Welt wirklich nicht, dass sämtliche Äußerungen russischer Milliardäre vom Kreml diktiert sind? ... Die Veröffentlichung eines endlos ausufernden Textes mit der Unterschrift eines gewissen Melnitschenko ist ein Triumph der Inkompetenz der Redaktion von The Economist – ihnen fehlt jegliches Verständnis dafür, was in Russland gerade vor sich geht. Dennoch ist der dem russischen Oligarchen zugeschriebene Text recht aufschlussreich. Er deutet auf wachsende Panik im Kreml hin. Die Initiative im Kampfgeschehen verlagert sich zunehmend auf die Seite der Ukraine.“
Er will nicht, dass Russland ausblutet
Die Journalistin Jelisaweta Osetinskaja sieht in einem von Echo übernommenen Telegram-Post den Westen als Adressat:
„Es handelt sich eher um die Reflexionen eines Menschen, der sich einfach nicht mit seiner Niederlage abfinden kann. Der Westen hat die Oligarchen schon immer als Teil des russischen Systems wahrgenommen und tut dies auch weiterhin, und die Sanktionen haben Melnitschenko auf lange Sicht im Land eingeschlossen, wo ihm ebenfalls alles weggenommen werden kann. Von Rebellion ist hier keine Spur. ... Melnitschenko versucht, den Westen zu überzeugen, dass es kontraproduktiv ist, den Krieg gegen Russland bis zu dessen Erschöpfung fortzusetzen: Ein sicheres Russland könne nur stark und souverän sein.“
Souveränität retten ist das A und O
Auf Facebook sieht Politologe Abbas Galliamow die Publikation als Appell an die Russen, ihr Land zu retten:
„Exakt am Tag vor der Veröffentlichung des Artikels erklärte [Außenminister] Lawrow erneut, dass alle Ziele der 'Sonderoperation' erfüllt würden. Was Melnitschenko schreibt, lässt Zweifel an Lawrows Ankündigungen aufkommen: Welche 'Aufgaben' gibt es denn noch, wenn auf der Tagesordnung die Frage des Zerfalls Russlands oder seiner vasallengleichen Abhängigkeit von China steht? Nach Melnitschenkos Darstellung steht dem Land eine DEFENSIVE Aufgabe bevor: die Wahrung der Souveränität. Daraus folgt: Alles, was zur Wahrung der Souveränität beiträgt, ist gut, und alles, was ihr im Wege steht, ist schlecht. ... Das Verdienst des Artikels besteht darin, dass er den Pathos entkräftet, auf dem der gesamte 'patriotische' Diskurs beruht. “