Ungarn: Schach-Ikone will nicht Präsidentin werden

Nach der Absetzung von Staatspräsident Tamás Sulyok hat die von Premier Péter Magyar als Nachfolgerin bevorzugte weltberühmte Schachspielerin Judit Polgár eine Nominierung abgelehnt. Sie fühle sich nicht stark genug, die historische Verantwortung zu übernehmen, eine gespaltene Nation zu einen, erklärte Polgár. Kommentatoren debattieren Gründe für die Absage und ob Magyar sein Vorgehen hinterfragen sollte.

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Index (HU) /

Eile zahlt sich nicht aus

Die Bürger haben das Mitspracherecht offensichtlich vermisst, meint Index:

„Seit den Wahlen im April hat die Tisza-Regierung zum ersten Mal eine ernsthafte Warnung erhalten. Doch dies ist in erster Linie Péter Magyars Niederlage: Die Wähler verhielten sich nicht so folgsam, wie er erwartet hatte. Stattdessen erinnerten sie ihn daran, dass sein Regierungsmandat von ihnen stammt, und verlangten von ihm, sein Versprechen der Beteiligung zu halten. ... Mit seinem unüberlegten, überstürzten Handeln ist es dem Premier zudem gelungen, Judit Polgár in eine peinliche Lage zu bringen und sie zu demütigen. Die Angelegenheit ist damit jedoch noch lange nicht abgeschlossen, denn die Wähler erwarten, dass sie ein echtes Mitspracherecht dabei haben, wer Ungarn als Staatsoberhaupt vertritt.“

Gazeta Wyborcza (PL) /

Die Art und Weise ist das Problem

Gazeta Wyborcza mahnt Premier Magyar zur Vorsicht bei seinem Vorgehen:

„Dass Tisza eine Ein-Mann-Partei ist, wird in Ungarn zwar schon seit Langem gesagt, doch bisher gab es keine eklatanten Beispiele für Machtmissbrauch durch Magyar. ... Die Ungarn reagieren besonders empfindlich auf solche Versuche, die unter der Fidesz-Regierung an der Tagesordnung waren. Dies war der Hauptgrund für den Machtverlust der Partei von Viktor Orbán. Tisza wurde als Basispartei aufgebaut, die ihre Stärke aus 50.000 lokalen Freiwilligen bezieht. Jeder Verdacht auf Machtmissbrauch ist für Magyar und seine Partei ein großes Problem.“

Népszava (HU) /

Das Land ist für diese Debatte ungeeignet

Judit Polgár hatte keine Chance, bedauert der Népszava-Chefredakteur Péter Németh:

„Wir wissen nicht, ob sie eine gute höchste Repräsentantin gewesen wäre. Wir wissen jedoch, dass es besser ist, dass wir heute darüber diskutieren, wie auch Magyar betont hat. Und aus dieser Debatte ist hervorgegangen, ob wir überhaupt für eine solche Art von Diskussion geeignet sind. Heute denke ich, dass dies nicht der Fall ist. Und im Grunde kam auch Judit Polgár zu diesem Schluss: Sie sah keine Chance, die Spaltung des Landes in irgendeiner Weise zu verringern. Sie lehnte das Angebot ab, verständlicherweise und bedauerlicherweise.“

Süddeutsche Zeitung (DE) /

Der Wandel ist kein Selbstläufer

Die Süddeutsche Zeitung warnt:

„Magyar [hat] bewiesen, wie ernst es ihm damit ist, das Personal der von Korruption und Demokratieabbau geprägten Orbán-Ära aus den Spitzenämtern des Landes zu entfernen. Freilich birgt ein solcher, geradezu revolutionärer Furor die Gefahr, übers Ziel hinauszuschießen und wiederum ins Antidemokratische umzuschlagen. Bislang aber bewegt sich Magyar im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit, in deren Namen er den Wandel vorantreibt. Es ist ihm zu wünschen, dass ihm bei seinem Großprojekt, Ungarn zurück in den Kreis der europäischen Demokratien zu befördern, der Elan und die Mitstreiter nicht ausgehen. Polgárs Absage und ihr durchaus berechtigter Verweis auf die 'gespaltene Nation' zeigen eindrücklich: Ein Selbstläufer ist das Ganze keineswegs.“