Was verrät uns die Sonnenfinsternis?
Erstmals seit 20 Jahren hat Europa eine Sonnenfinsternis erlebt, die in Teilen des Kontinents sogar total war. Millionen Menschen hatten sich mit Brillen und Kameras sowie in vielen Fällen einem Picknick gewappnet, um gemeinsam das Himmelsspektakel zu erleben. Europäische Medien kommentieren ungewohnt philosophisch.
Hauptsache dabei sein
Für uns hat die Sonnenfinsternis nicht mehr die gleiche Bedeutung wie für unsere Vorfahren, klagt der Theologe Vito Mancuso in La Stampa:
„Für die Menschen der Antike konnte eine Finsternis tatsächlich etwas Beängstigendes sein, denn für sie war die Sonne eine Erscheinungsform des Göttlichen, und wenn sie sich verdunkelte, kündigte das eine Erschütterung der Weltordnung an. ... Keiner von uns hingegen hatte gestern Angst. Wir wussten alle genau, was geschah, wann und warum, und deshalb haben wir auch dieses Phänomen in das verwandelt, in was unsere Gesellschaft inzwischen alles zu verwandeln scheint: ein Spektakel. ... Die Finsternis wurde zu einem Ereignis, das man nicht verpassen durfte – und vor allem zu einem Ereignis, von dem man den anderen zeigen musste, dass man es nicht verpasst hatte.“
Der Aberglaube wird wach
Angesichts der sich verdunkelnden Sonne wird der Mensch wieder abergläubisch, findet hingegen Corriere della Sera:
„58 Sekunden lang war die Sonne schwarz. Die Farben verschwanden, die Vögel verstummten plötzlich. ... Eine Dunkelheit, die anders ist als die der Nacht. Nicht wegen der wenigen Grade, um die die Temperatur schlagartig gesunken ist, sondern wegen des Verdachts, der sich in uns einschleicht. ... Was, wenn die Zeit stehen bliebe? Ängste und Aberglauben lassen sich nach einer Sonnenfinsternis besser verstehen. ... Auf dem Handy steht die genaue Uhrzeit von Beginn und Ende, alles ist rational, vorhersehbar, längst vorverdaut – und doch haben wir, als die Sonne nur noch ein schmaler Streifen war, Lärm gemacht wie die Menschen der Antike. Um den Drachen, den bösen Gott zu vertreiben, der gerade die Sonne verschlingt.“
Angenehme Apokalypse
Für Delfi ist das Erschauern angesichts der verdeckten Sonne eine erfreuliche Abwechslung:
„Einst gab eine mitten am Tag verschwindende Sonne Anlass zur Furcht, dass die Götter zornig wären oder die Welt untergehe. Heute ist eine Sonnenfinsternis eines der wenigen apokalyptisch anmutenden Ereignisse, bei dem wir mit völliger Sicherheit wissen, dass die Welt nicht untergeht. Der Krieg breitet sich aus. Das Klima erwärmt sich. Die Künstliche Intelligenz nimmt uns die Arbeit weg. Die Demokratie gerät ins Wanken. Die Wirtschaft ächzt. Heute jedoch bewegt sich der Mond vor die Sonne. Es wird dunkel. Nach einer Weile kommt die Sonne wieder zum Vorschein. Zur Abwechslung mal eine ganz angenehme Apokalypse.“
Stunde der Wahrheit
Eine Sonnenfinsternis ist ein wichtiger Realitätstest, erklärt die Astrophysikerin Miho Janvier in Le Monde:
„Die totale Sonnenfinsternis am 12. August stellt eine Bewährungsprobe für unsere wissenschaftliche Gemeinschaft dar. Zwar gibt es Modelle auf Basis von Daten unserer Weltraumsonden, die es uns ermöglichen, die zu erwartende Form der Sonnenkorona vorherzusagen, doch der Tag selbst ist die Stunde der Wahrheit. Indem wir diese Vorhersagen mit den Erkenntnissen vergleichen, die die wenigen Minuten der Dunkelheit während der totalen Sonnenfinsternis liefern, testen wir auch den Stand unseres Wissens, insbesondere unsere Modelle sowie unsere Fähigkeit, den Zustand unserer Sonne und damit ihren Einfluss auf unsere Weltraumumgebung vorherzusagen.“