Was tun gegen den Preisschock beim Tanken?
Die Lage an den Meerengen im Nahen Osten und kriegsbedingt rückläufige russische Exporte haben den Weltmarkt für Rohöl und Treibstoffe unter Druck gesetzt. Vor allem Diesel ist überall spürbar teurer geworden. Europäische Regierungen versuchen erneut, mit Steuersenkungen oder Subventionen gegenzuhalten: So soll in Deutschland das Tanken ab Oktober um 17 Cent pro Liter billiger werden. Was ist von Tankrabatten zu halten?
Regulierung besser dem Markt überlassen
Die Neue Zürcher Zeitung spricht sich gegen eine Spritpreisbremse aus:
„Der Sinn eines Preises ist es, das Verhalten zu steuern. Hohe Preise sollen die Nachfrage dämpfen – auch bei Diesel und Benzin. An tieferer Nachfrage führt kein Weg vorbei: Durch die unsichere Lage am Persischen Golf, die gefährlichen Transportwege im Nahen Osten und die Schäden an russischen Raffinerien gelangen weniger Treibstoffe auf den Weltmarkt, als nachgefragt werden. Die verbliebenen Raffinerien arbeiten in aller Welt am Anschlag. Die Anpassung der Nachfrage zu verzögern, verlängert das Problem. Es senkt die Anreize, sparsam mit Treibstoff umzugehen und in Effizienz oder alternative Antriebe zu investieren.“
Finanzhilfe löst das Problem nicht
Népszava hinterfragt Geldzahlungen der ungarischen Regierung an Halter von Dieselautos:
„Es hat etwas Befremdliches, wenn eine Regierung auf ein Problem, das seinen Ursprung auf dem Weltmarkt hat, damit reagiert, dass sie den Haltern der betroffenen Fahrzeuge Geld überweist [rund 55 Euro]. Als müsste der Staat bei jeder größeren Preisveränderung zur Kasse treten und ausgleichen, was der Markt den Menschen gerade aus der Geldbörse gezogen hat. Natürlich kann die ungarische Regierung die weltweite Dieselkrise nicht selbst lösen ... Sie hat jedoch Einfluss darauf, wie man hierzulande darauf reagiert. Die Tisza-Regierung hat sich für direkte Zahlungen entschieden. Das ist zweifellos eine Hilfe für diejenigen, die das Geld erhalten, ändert jedoch nichts an den Ursachen des Problems.“
Zynischer Einsatz des Gießkannenprinzips
Dass wieder ein Tankrabatt in Deutschland geplant ist, empört den Tagesspiegel:
„Die Neuauflage wird voraussichtlich 2,5 Milliarden Euro kosten. Plötzlich ist dafür Geld da. Nach einem Sommer, in dem die Regierung Alleinerziehenden den Unterhaltsvorschuss kürzte, eine versprochene Bafög-Erhöhung verschob und queeren Jugendverbänden die Förderung strich, weil leider gespart werden muss, ist das nur noch zynisch. Der Staat verteilt Geld mit der Gießkanne und legitimiert damit unverschämte Preisaufschläge der Mineralölkonzerne. ... Es muss endlich in die Köpfe: Das fossile Zeitalter endet. Dagegen lässt sich nicht ansubventionieren. Die Regierung muss dringend damit aufhören.“
Umstieg auf saubere Energien nicht zerreden
In Belgien wird ein Eingreifen des Staates zur Kompensierung der hohen Dieselpreise gefordert. Das ist der falsche Weg, mahnt De Morgen:
„Jeder Autofahrer, der sein Dieselauto gegen ein sauberes Modell eintauscht, und jede Familie, die teures Erdgas durch eine Wärmepumpe ersetzt, trägt dazu bei, unsere Gesellschaft wieder ein kleines bisschen weniger abhängig von geopolitisch unsicheren, fossilen Energiequellen zu machen. Politiker sollten zu dieser Umstellung unentwegt ermutigen, statt sie zu behindern. ... Politiker, die an einem Tag für den Ausstieg aus Diesel und das Zudrehen des Gashahns plädieren und am nächsten Tag Kompensationen für teures Diesel und Gas fordern: Hören die sich eigentlich selbst zu?“
Ölmarkt ist zum Schlachtfeld geworden
Wsgljad beleuchtet Hintergründe der Krise:
„Der Ölmarkt ist kein Markt im klassischen Sinne mehr. Er ist ein Schlachtfeld, auf dem der Preis nicht durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird, sondern durch die Fähigkeit – oder Unfähigkeit – eines bestimmten Käufers, einen bestimmten Verkäufer zu erreichen. Die Opec hat erheblich an Einfluss verloren, langfristige Verträge werden spontan neu verhandelt, und die Prognosen der weltweit führenden Investmenthäuser weichen aktuellen Lageberichten von [Kriegs-]Schauplätzen sowie Analysen der widersprüchlichen Rhetorik Trumps. ... Die große Treibstoffkrise beginnt gerade erst, und die entscheidende Frage lautet nicht, wie viel ein Barrel kosten wird, sondern wer überhaupt in der Lage sein wird, es physisch zu erhalten.“