22 Jahre Straflager für Sawtschenko

Ein russisches Gericht hat die Ukrainerin Nadija Sawtschenko für den Tod zweier russischer Journalisten in der Ostukraine verantwortlich gemacht und sie zu 22 Jahren Lagerhaft verurteilt. Für Kommentatoren heizt der international kritisierte Prozess die Spannungen zwischen Moskau und Kiew weiter an.

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Polityka (PL) /

Putin demonstriert seine Unnachgiebigkeit

Die Verurteilung der Pilotin ist letztlich nur eine Machtdemonstration des russischen Präsidenten Wladimir Putin, meint Jagienka Wilczak auf ihrem Blog beim linksliberalen Nachrichtenmagazin Polityka:

„Dieses Urteil ist eine Art Rache oder Revanche dafür, dass die Aggression in der Ukraine Russland nicht den erwarteten Sieg gebracht hat. Damit lässt Putin seinen ganzen Ärger raus und stellt ganz frech die Parteilichkeit und die politische Motivation des Gerichts zur Schau, das nur auf Befehl des Präsidenten geurteilt hat. Putin wollte dadurch seine Stärke und seine Unnachgiebigkeit demonstrieren. So gefällt er den Russen. Gerade so lieben sie ihren Präsidenten, der auf internationale Bitten, die Pilotin doch freizulassen, nicht einmal reagiert hat.“

Financial Times (GB) /

Moskau hat ukrainische Nationalheldin geschaffen

Mit der Strafverfolgung Sawtschenkos hat Russland die nationale Identität in der Ukraine entscheidend gestärkt, analysiert die konservative Tageszeitung Financial Times:

„Sawtschenkos stiller Mut, ihre Geringschätzung des russischen Gerichts und ihre langen Hungerstreiks haben sie in ihrer Heimat zu einer Heldin gemacht. Eine Verurteilung zu einer langen Gefängnisstrafe würde sie zu einer Märtyrerin machen. Moskau hat mit der gerichtlichen Verfolgung Sawtschenkos und anderer neben seiner Annexion der Krim sowie seiner Militärintervention im Donbass eines erreicht: Es hat mehr zur Entwicklung eines nationalen Identitätsbewusstseins in der Ukraine beigetragen, als dies in den vergangenen 20 Jahren der Unabhängigkeit nach Auflösung der Sowjetunion erreicht worden war.“

Die Tageszeitung taz (DE) /

Auch Kiew kann zur Entspannung beitragen

Die linke Tageszeitung taz kritisiert das russische Plädoyer, Sawtschenko für 23 Jahre in Lagerhaft zu nehmen, sieht aber zugleich die Ukraine in der Pflicht:

„Für das Schicksal der beiden getöteten russischen Journalisten, Igor Korneljuk und Anton Woloschin, interessiert man sich in der Ukraine nur wenig. Hier wurden zwei Journalisten in der Ukraine erschossen, und es ist Aufgabe eines Rechtsstaats, umgehend strafrechtliche Ermittlungen einzuleiten. ... Sollte das Gericht im russischen Donezk Sawtschenko verurteilen, wird dies das angespannte ukrainisch-russische Verhältnis weiter vergiften und all die bestätigen, die einen völligen Abbruch der diplomatischen Beziehungen fordern. Russland könnte mit einer zügigen Freilassung der Angeklagten für eine Entspannung sorgen. Und auch die Ukraine könnte einen Teil zur Entlastung der angespannten Beziehungen beitragen. Wie wäre es mit Beileidsbekundungen aus dem ukrainischen Präsidialamt an die Familien der toten russischen Journalisten?“