Weiterer Knick für den Nationalstolz
Die Blamage Deutschlands passt für die Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Stimmung im Land:
„Kapitän Joshua Kimmich hat in einer bemerkenswerten Reaktion auf das schmähliche Turnierende davon gesprochen, es sei die Aufgabe der Mannschaft gewesen, die Nation stolz zu machen. ... Die Frage nach dem Stolz verbindet das öde Desaster der Fußballer mit der Stimmung im Land. ... [D]ie Zufriedenheit, in ihm zu leben, nährte sich in Deutschland seit siebzig Jahren aus vielerlei Quellen. Es war ein institutionell vermittelter Stolz ... . Wirtschaftlicher Wohlstand war eine dieser Quellen, das Funktionieren der Verwaltung eine andere. Man bildete sich etwas auf die Arbeit der Ingenieure ein, auf die Gymnasien und die Universitäten. Auf die Krankenbehandlung, die Theaterlandschaft. Inzwischen hat vieles davon an Substanz verloren.“
Test für die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft
Es geht eben doch um mehr als Sport, betont Interia:
„In Zeiten immer tieferer gesellschaftlicher Spaltung erweisen sich selbst neunzig Minuten gemeinsamer Fanbegeisterung als Institution, die wichtiger ist, als wir gemeinhin annehmen. Es ist kein Zufall, dass gerade in diesen Zeiten die Bedeutung der extrem rechten AfD zunimmt, die eine einfachere Definition von Gemeinschaft vorschlägt, nämlich eine, die auf Herkunft und nicht auf Teilhabe basiert. Diese Niederlage der deutschen Nationalmannschaft ist daher nicht nur ein sportliches Ereignis, sondern auch ein Test für die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die nach wie vor versucht, Gemeinschaft nicht so sehr um die Nationalität, sondern vielmehr um gemeinsame Erfahrungen aufzubauen.“
Möglicher Anstoß für überfällige Veränderungen
Berlin sollte sich an früheren Fällen erfolgreicher Krisenbewältigung orientieren, rät Les Echos:
„In der Vergangenheit gelang es der deutschen Nationalmannschaft ebenso wie dem Land immer wieder, nach Jahren des Niedergangs neu durchzustarten. Als ein Beispiel kann der Sieg 2014 in Brasilien angeführt werden, der das Ergebnis einer tiefgreifenden Reform des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) und dessen Jugendarbeit nach dem Desaster bei der EM 2000 war. ... Ebenso erfolgten die Arbeitsmarktreformen von Bundeskanzler Gerhard Schröder Anfang der 2000er Jahre nach einer heftigen Krise, die von anhaltend hoher Arbeitslosigkeit geprägt war. Nun bleibt abzuwarten, ob es Friedrich Merz gelingen wird, das sportliche Trauma der Nation in einen Wandel zu überführen.“
Für Schweden gelten andere Maßstäbe
Auch Schweden ist schon ausgeschieden, aber Dagens Nyheter bleibt frohgemut:
„Unsere Jungs durften auf der großen Bühne dabei sein. Und sie haben sich an das Allerwichtigste erinnert, das sie an unzähligen Sonntagvormittagen im Nieselregen gelernt haben: weiterzukämpfen. Jeder kann eine Siegermannschaft anfeuern, das ist leicht und völlig uninteressant. Schwede zu sein bedeutet hingegen wahres Fantum durch dick und dünn. Ständig zu hoffen, entgegen aller Vernunft. Zusammenzubrechen und wieder aufzustehen. In dieser Art Fußball sind wir die Besten der Welt.“