Portugal: Warum ist die digitale Schulreform gescheitert?
In Portugal hat die Umsetzung eines neuen digitalen Bewertungssystems bei Abschlussprüfungen für erhebliche Probleme gesorgt. Schüler bekamen sehr viel später als üblich ihre Noten und konnten sich nicht rechtzeitig für die Uni bewerben oder auf eine Wiederholungsprüfung vorbereiten. Kommentatoren fragen nach der Rolle der konservativen Regierung bei der Reform und möglichen anderen Ursachen für das entstandene Chaos.
Konsequenzen einer Rotstiftpolitik
Die Regierung hätte vor der Einführung des neuen Systems nicht im Bildungsministerium zusammenkürzen sollen, schreibt Expresso:
„Am Vorabend der größten technologischen Herausforderung aller Zeiten im Prüfungssystem wurde die Struktur zerschlagen, die in der Lage war, die komplexe jährliche Logistik von Tausenden von Prüfungen auf Papier zu bewältigen. … Es gibt keine Technologie, die die Probleme lösen kann, die durch einen Staat entstanden sind, dem es an Wissen und Erfahrung mangelt. Nach jahrelanger Opposition ersetzte das rechte Lager das Wissen der Staatsmaschinerie durch kühne ideologische Dogmen und einen destruktiven, arroganten, unbesonnenen und auf Empfindungen basierenden 'Reformismus'. Und damit durch Inkompetenz.“
Nicht die Erneuerer bestrafen
Dem Bildungsminister muss man seinen Mut zugutehalten, eine tiefgreifende Veränderung zu wagen, findet Diário de Notícias:
„Fernando Alexandre hat in dieser Geschichte etwas, das für ihn spricht. Selbst wenn diese Kontroverse ihn zu Fall bringt, so hat er zumindest versucht, ein veraltetes Klassifizierungssystem, das unzählige Ressourcen beanspruchte, zu modernisieren oder ins 21. Jahrhundert zu führen. … Es ist nicht zu rechtfertigen, einerseits die Unentschlossenheit oder das rein politische Kalkül zu kritisieren, was so oft disruptive politische Maßnahmen blockiert, und andererseits jemanden unverhältnismäßig hart dafür zu bestrafen, dass er eine Reform zum Wohle des Bildungssystems vorantreiben wollte, auch wenn diese noch nicht ganz ausgereift war.“
Mangelnde Planung, fehlende Kontrolle
Das Land braucht einen Mentalitätswandel, fordert Correio da Manhã:
„Alle derzeitigen politischen Hauptprobleme haben denselben Ursprung: mangelnde Planung, fehlende Kontrolle und ein allgemeiner Qualitätsverfall bei den staatlichen Dienstleistungen. Es werden keine Lösungen für die Probleme angesetzt, oft wird man sich ihrer Existenz und ihrer zunehmenden Verschärfung nicht mal bewusst. … Der Staat braucht einen Reformer – keine großen, pompösen und nutzlosen Maßnahmen. … Keine sinnlose Digitalisierung der Dienstleistungen. Einen Mentalitätswandel. Weniger künstliche Intelligenz und mehr menschliche Intelligenz.“