Ukraine: Machtlos gegen russische Raketen?
In der Nacht auf Donnerstag gab es erneut heftige russische Angriffe mit Raketen und Drohnen auf den Großraum Kyjiw. 16 Menschen wurden getötet. Präsident Selenskyj mahnte seitens der westlichen Partner schnelle Hilfe bei der Luftabwehr an. Die Ukraine schickt ihrerseits Drohnenwellen nach Russland: Laut Moskaus Bürgermeister attackierten in der Nacht auf Dienstag gleich 620 Drohnen die russische Hauptstadtregion.
Putin hat die Gasversorgung im Visier
La Stampa analysiert die russische Luftkriegs-Strategie:
„Letztes Jahr wartete Moskau bis zum Herbst, um den Kälte-Krieg zu verschärfen. Diesmal hat es mitten im Sommer damit begonnen. 13 Angriffe auf Naftogaz innerhalb von sieben Tagen – das deutet darauf hin, dass der Kampf um den kommenden Winter vorzeitig begonnen hat. Putin hat es eilig: Jetzt zuzuschlagen bedeutet, der Ukraine nicht das Gas zu nehmen, das sie heute verbraucht, sondern das, das sie gerade zu fördern und für den Moment einzulagern versucht, wenn der Frost kommt. Es ist eine günstige Gelegenheit, die sich womöglich nicht lange bieten wird – zumal den ukrainischen Verteidigern gerade jetzt die Abfangwaffen ausgehen. Deshalb beschleunigt der Kreml das Tempo.“
Das bedeutet einen harten Winter
Kyjiw benötigt dringend Unterstützung gegen Angriffe mit ballistischen Raketen, betont Helsingin Sanomat:
„Wladimir Putin scheint davon überzeugt zu sein, dass Russland gewinnen wird, die Ukraine zusammenbricht und es sich lohnt, den Krieg fortzusetzen. Russland will nicht über Frieden sprechen. Die Staats- und Regierungschefs des Westens müssen begreifen, dass nicht getroffene Entscheidungen sich letztendlich rächen. So ist es wieder einmal geschehen. Der Ukraine steht ein harter Winter bevor, in dem sie zusätzliche Unterstützung benötigt. Gleichzeitig muss auch Europa dringend etwas tun, um die eigene Abwehrfähigkeit gegen ballistische Raketen zu gewährleisten.“
Nur halbherzige Hilfe
Der Westen muss viel mehr tun, und sei es nur, um der Ukraine zu ermöglichen, sich selbst zu verteidigen, fordert Trouw:
„Präsident Trump hatte dem Land eine Lizenz zur Herstellung eigener Patriot-Raketen versprochen. In der Praxis kommt es jedoch nicht dazu, angeblich, weil die amerikanische Rüstungsindustrie aus Angst vor ukrainischer Konkurrenz dagegen lobbyiert. Das ist beschämend und bezeichnend für unsere halbherzige Haltung: Wir geben der Ukraine genug Unterstützung, um nicht zu verlieren, aber zu wenig, um zu gewinnen. Die Unterstützung für die Ukraine könnte gerade jetzt viel bedingungsloser sein.“
Gegenangriffe verändern das Leben in Russland
Der Krieg ist nun auch in den Alltag der Russen eingedrungen, konstatiert La Repubblica:
„Die Schwärme ukrainischer Flugkörper legen die Kriegsmaschine des Kremls nicht lahm. In der Regel ist die Sprengkraft der Flugbomben begrenzt – zwischen 10 und 25 Kilogramm Sprengstoff –, sodass sie nur an Zielen mit brennbarem Material schwere Schäden anrichten können: Raffinerien, Treibstofflager, mit Karton und Plastik gefüllte Logistiklager. Gegen mechanische oder elektronische Fabriken bleibt die Zerstörung begrenzter, fast nie ist sie endgültig. ... Die Wirkung ist vor allem psychologischer Natur: Nun ist der Krieg ins Leben der russischen Städte eingedrungen, von der Ostsee bis zum Ural. Und er wird sich noch weiter ausbreiten.“