Polen: Streit um Verfassungsgericht eskaliert

Der jahrelange Machtkampf um Polens Verfassungsgericht eskaliert. Die Regierung von Donald Tusk will das unter der PiS politisch geprägte Gericht reformieren. Doch der PiS-nahe Präsident Karol Nawrocki blockiert die Vereidigung neuer Richter. Vor dem Verfassungsgericht in Warschau demonstrierten am Wochenende PiS-Anhänger, im Gebäude kam es zu Tumulten.

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Polityka (PL) /

Gewalt statt Recht

Polityka kritisiert das Staatsoberhaupt:

„Präsident Nawrocki hat offenbar beschlossen, den Konflikt zu eskalieren. Zu welchem Zweck? Nachdem er in das Verfassungsgericht eingedrungen ist, scheint es, als gehe es ihm einfach darum, seinen Willen durchzusetzen: Ich habe beschlossen, fünf von diesem Sejm gewählten Richtern die Ausübung ihres Amtes zu verwehren, und ich werde dafür sorgen, dass dies auch geschieht. Das ist kein Recht, das ist Gewalt. Man könnte argumentieren, dass Richterin Korwin-Piotrowska die Rechtsvorschrift, die es erlaubt, einen anderen Richter, dessen Handlungen der Justiz schaden könnten, von der Rechtsprechung auszuschließen, falsch ausgelegt und angewendet hat. Es gibt einige rechtliche Zweifel. Aber es handelt sich dabei um eine rechtliche Maßnahme und nicht um Gewalt.“

Rzeczpospolita (PL) /

Regierung verrät ihre Ideale

Rzeczpospolita-Chefredakteur Paweł Kapusta macht seiner Enttäuschung über Tusks Regierung Luft:

„Donald Tusk trat mit der gesamten Koalition unter dem Motto der Schadensbehebung, der Rechtsstaatlichkeit und unantastbarer Grundsätze zur Wahl an. ... Sie waren davon überzeugt, dass die Wiederherstellung schnell und auf würdige Weise erfolgen würde. ... Heute hören wir von den Regierenden jedoch, dass es 'keinen anderen Weg' gebe – eine banale Formulierung, die jegliches Handeln rechtfertigt. Schlagstöcke, Polizeiketten vor dem Verfassungsgericht, das Betreten des Gebäudes quasi im Schutze der Nacht, das Ausnutzen von Gesetzeslücken und der Tatsache, dass sich der Präsident im Ausland aufhält – all das ist kein Beweis für Tatkraft und Stärke, sondern ein Ausdruck von Hilflosigkeit.“

La Repubblica (IT) /

Angst vor Immunitätsverlust

Der Konflikt schwelt seit Jahren, erklärt La Repubblica:

„Als Donald Tusk 2023 die Wahlen gewann, versprach er die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Justiz und der demokratischen Gewaltenteilung, musste sich jedoch mit zwei Präsidenten der Republik aus den Reihen der PiS auseinandersetzen, Andrzej Duda und Karol Nawrocki, die über enorme Vetorechte verfügen und versuchten, seine Pläne auf jede erdenkliche Weise zu vereiteln. Der Verlust der Mehrheit im Verfassungsgericht und im Obersten Gerichtshof würde für viele Vertreter der PiS den Verlust ihrer Immunität bedeuten. Das gilt vor allem für den Präsidenten des Verfassungsgerichts selbst, Bogdan Święczkowski, gegen den vier Strafverfahren anhängig sind.“

Interia (PL) /

Tusk geht es nicht um juristische Eigenständigkeit

Ministerpräsident Tusk geht es nicht um die Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts, meint Interia:

„In seiner Ansprache sprach sich Tusk gegen einen verfassungsrechtlichen Neustart aus. Seiner Meinung nach hat die PiS das Verfassungsgericht 'gestohlen', daher werde er nun nicht das Gestohlene mit ihr teilen. Er will es in seiner Gesamtheit zurückgewinnen. Bedeutet das in der Praxis, dass acht Richter (von den erforderlichen fünfzehn) ein 'erneuertes' Verfassungsgericht bilden werden? Diese Menschen, die als unabhängig dargestellt werden, verhalten sich wie die Strafkompanie einer Armee, die Regierungsanweisungen ausführt. ... Tusk zieht es vor, das Bestehende zu übernehmen und für seine eigenen Zwecke zu nutzen.“

Gazeta Wyborcza (PL) /

Kein Sieg für den Rechtsstaat

Dem Rechtsstaat dient das Ganze auf jeden Fall nicht, findet Gazeta Wyborcza:

„Sie fragen sich vielleicht: Aber was sonst hätte man tun sollen? Darauf lässt sich mit einer Gegenfrage antworten: Was wurde dadurch eigentlich gewonnen? Ein neues, geschwächtes Verfassungsgericht wird, falls es bestehen bleibt, keine Autorität haben – so wie es sie bisher auch nicht hatte. Seine Urteile wird nur die Regierung von Tusk anerkennen. ... Wir werden also, genau wie unter der PiS, ein Verfassungsgericht haben, das Anträge einer einzigen Partei prüft – und zwar derjenigen, die gerade regiert. Dabei ist das Verfassungsgericht ein Instrument der Opposition, die die von der Mehrheit verabschiedeten Gesetze in Frage stellt.“

Adevărul (RO) /

Regeln müssen unabhängig von Machtwechsel gelten

Der Politikanalyst Alexandru Grumaz schreibt bei Adevărul:

„Um aus der Pattsituation herauszukommen, ist mehr nötig, als nur den Posten des Gerichtspräsidenten zu besetzen. Es sollte alles separat geklärt werden: der Status der gewählten Richter, ein gültiges Vereidigungsverfahren, die Gründe für die Suspendierungen und wer eventuell hier individuell Verantwortung trägt. … Ein Verfassungsgericht verliert seine Bedeutung, wenn jede Partei es nur an den Tagen anerkennt, an denen es ihr Recht gibt. Und die Wiederherstellung seiner Autorität misst sich nicht an der Zufriedenheit einer Mehrheit, sondern daran, dass die Regeln ihre Gültigkeit auch nach einem politischen Machtwechsel behalten.“