Russlands Jugend will die Koffer packen

Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Levada zufolge würden in Russland 53 Prozent der 18- bis 24-Jährigen gerne emigrieren. So hoch war der Wert in den letzten zehn Jahren noch nie: 2014 äußerten nur 22 Prozent der Altersgruppe diesen Wunsch. Lockt das Ausland wegen der wirtschaftlichen Verhältnisse, wegen des politischen Regimes - oder aus ganz anderen Gründen?

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newsru.com (RU) /

Ein Armutszeugnis für die Regierung

Andrej Netschajew, Wirtschaftsminister unter Boris Jelzin, beschuldigt in einem von newsru.com übernommenen Blogbeitrag Putins System:

„Das war eine reale Abstimmung über das Vertrauen in die Politik von Präsident und Regierung: Die Jugend möchte im gegenwärtigen Russland nicht leben. Zwar sind der Umfrage zufolge die Hauptgründe für den Auswanderungswillen nicht politischer Art. Es geht um eine bessere Zukunft für die Kinder und die höherwertige Gesundheitsversorgung und Bildung im Ausland. Aber das Fehlen einer Zukunft für die Kinder in der Heimat - ist das nicht ein Urteil über die Politik der Staatsmacht? Und 40 Prozent nannten die wirtschaftliche, 33 Prozent die politische Lage als Grund für ihren Auswanderungswunsch. Bedarf es noch irgendwelcher Beweise, dass die Politik der aktuellen Führung in eine Sackgasse führt?“

Ekho Moskvy (RU) /

Mit Instagram-Englisch hinaus in die weite Welt

Journalist Anton Krasowski sieht den Auswanderungsdrang in einem Gespräch auf Echo Moskwy weniger durch politische Faktoren bedingt:

„Es liegt vorrangig nicht am 'blutigen Putin', sondern daran, dass sich die Kommunikationsmittel verändert haben. Vor zehn Jahren gab es noch kein Facebook und keine echten sozialen Netzwerke. Kein Instagram und nichts wie Tiktok. Die Menschen kommunizierten anders und innerhalb ihrer Sprachgruppe. Das hat sich geändert: Die Leute der Altersgruppe, um die es geht, sind heute in Russland viel freier und sprechen und schreiben überall auf Englisch. Computerspiele haben extrem viel dazu beigetragen, dass russische Kinder Englisch sprechen und denken. Dazu kommen Filme und Programme, die täglich angesehen werden. Entsprechend empfindet sich heute ein größerer Teil der jungen Leute als Weltbürger.“