Mali: Großoffensive von Dschihadisten und Tuareg

Das Land Mali in Westafrika erlebt derzeit die schwersten militärischen Auseinandersetzungen seit Jahren. Dabei haben sich radikale Islamisten und Tuareg-Separatisten zusammengetan, um gegen die Militärregierung zu kämpfen, die seit einem Putsch 2020 herrscht. Welche Folgen haben die Kämpfe für das russische "Afrika-Korps", das die Militärjunta in Bamako unterstützt, und inwiefern ist Europa betroffen?

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Neue Zürcher Zeitung (CH) /

Im Ernstfall ist auf die Russen kein Verlass

Die Neue Zürcher Zeitung konstatiert eine Scheitern von Russlands Afrika-Engagement:

„Die Russen zogen 2021, damals noch unter dem Label Wagner, unter grossem Applaus der Einheimischen in Westafrika ein, nachdem man die französischen Truppen des Landes verwiesen hatte. Es war eine Absage an 'Françafrique', den bestimmenden Einfluss Frankreichs in Westafrika, der sich auch nach dem Ende der Kolonialzeit fortgesetzt hatte. Das attraktive Versprechen der Russen: Afrika für die Afrikaner – und Sicherheit. Daraus ist nicht viel geworden. Die Militärjunta steht gedemütigt da. ... Wenn es darauf ankommt, dann ist auf die Russen kein Verlass. Zu schwach und überdehnt sind ihre Kräfte, zu abgelenkt ist man vom Krieg gegen die Ukraine.“

Corriere della Sera (IT) /

Der fatale Fehler des General Goïta

Die malische Militärjunta hat falsch kalkuliert, kommentiert Corriere della Sera:

„General Assimi Goïta regiert das Land seit 2021 nach einer Reihe von Putschen und hat seine Versprechen eines demokratischen Übergangs nach und nach aufgegeben. Im vergangenen Sommer verabschiedete er ein Gesetz, das es ihm erlaubt, seine fünfjährige Amtszeit ohne Wahlen mehrfach zu verlängern. Theoretisch könnte er somit bis 2030 oder 2035 an der Macht bleiben. Doch seine russischen Unterstützer scheinen nicht mehr in der Lage zu sein, ihn zu verteidigen, und die Rebellen setzen ihn unter Druck. Das riskante Unterfangen, die Franzosen zu stürzen und sich auf Moskau zu verlassen, wurde von Niger und Burkina Faso nachgeahmt, könnte sich aber für die herrschenden Militärjuntas in Mali und anderen Sahelstaaten als fatal erweisen.“

Echo (RU) /

Für Moskau wiederholt sich die syrische Blamage

Russlands Truppen werden nicht mehr gefürchtet, weil sie in der Ukraine erfolglos agieren, meint Militärexperte Sergej Auslender in einem von Echo übernommenen Telegram-Post:

„Fast eins zu eins wiederholte sich [in Mali] die syrische Situation, wo aus den geordneten Reihen von Al-Qaida und dem ISIL hervorgegangene Rebellen ein Rebranding durchführten, ihre Parolen dämpften um anständiger zu wirken, dann das Regime rasch stürzten und dabei den ausländischen Truppen (in Syrien standen Iraner und Russen) eine ungestörte Evakuierung ermöglichten. ... All dies sind die direkten und indirekten Folgen des Krieges in der Ukraine. ... Man hat einfach aufgehört, jene Armee zu fürchten, die über Jahre unter Verlusten irgendeine Kreisstadt in der Region Donezk einnimmt, als sei es die Schlacht an der Somme.“

Le Courrier (CH) /

Vertrauen in Afrika verspielt

Das Geschehen lässt Russland auf dem afrikanischen Kontinent zum wiederholten Mal in schlechtem Licht erscheinen, beobachtet Le Courrier:

„Dieser schmähliche Rückzug, der von einigen als 'Verrat' an der malischen Junta bezeichnet wird – die nach dem Abzug der Truppen Frankreichs und der UN Moskau zu Hilfe gerufen hatte –, könnte Russlands Ansehen auf dem afrikanischen Kontinent weiter und dauerhaft schaden. Diese Begebenheit folgt auf den ebenso unrühmlichen Fall der missbräuchlichen Rekrutierung junger Afrikaner in die russische Armee. Mehrere Anfang des Jahres veröffentlichte Berichte enthüllten betrügerische Rekrutierungsmethoden, bei denen gut bezahlte Jobs versprochen wurden, nur um die Kandidaten schließlich als Kanonenfutter an der ukrainischen Front zu verheizen.“

Diena (LV) /

Stammesverband mit unterschiedlichen Loyalitäten

Diena beleuchtet die politische Positionierung der Tuareg:

„Eine wichtige Nuance in diesem Fall ist, dass die in mehreren Ländern der Region, darunter Mali, dicht gedrängt lebenden Tuareg einen Stammesverband bilden, dessen Mitglieder sehr unterschiedliche Beziehungen zu den lokalen Regierungen pflegen. Einige Tuareg sind diesen gegenüber loyal (im Gegenzug für deren Nichteinmischung in ihre inneren Angelegenheiten), und im Falle Malis beteiligten sich einige Stämme gemeinsam mit Regierungstruppen an der Abwehr islamistischer Angriffe. Dies hat zu der Annahme [bei Malis Militärjunta] geführt, dass auch mit den Tuareg der FLA [Front zur Befreiung von Awazad] eine Einigung erzielt werden könnte, die es ermöglichen würde, die enorm ressourcenintensiven Bemühungen zur Kontrolle Malis innerhalb seiner Grenzen einzustellen und stattdessen alle Kräfte dem Kampf gegen islamistische Radikale zu widmen.“

El País (ES) /

Keine exotische Krise in einem fremden Land

El País erklärt, was das Ganze mit Europa zu tun hat:

„Nach der anfänglichen Verwirrung über den Rückzug Frankreichs aus einem Szenario, in dem Paris den Takt vorgab, hat die EU eine zurückhaltende Diplomatie aufrechterhalten und die Entwicklungszusammenarbeit auf ein Minimum reduziert. ... Es ist nicht einfach, die Dialoglinien offen zu halten, denn die Herausforderung besteht darin, überhaupt zu wissen, mit wem man reden muss. ... Unterdessen versuchen Tausende junger Menschen, der Krise zu entkommen und nach Norden zu ziehen, viele davon über die Kanarischen Inseln: ein Migrationsstrom, der mit Verarmung zu tun hat und so lange wachsen wird, wie die Gewalt im Land grassiert. ... Mali, ein Moloch der Gewalt vor den Toren Europas, ist keine exotische Krise in einem fernen Land.“