Nach Spaniens WM-Sieg: Wie ist die Bilanz?
Die Fußball-Weltmeisterschaft ist mit einem Sieg Spaniens gegen Argentinien zu Ende gegangen. Superstar Lionel Messi konnte das Finale nicht für seine Mannschaft gewinnen – und Ferran Torres schoss in der Verlängerung das entscheidende Tor zum 1:0. Über das sportliche Ergebnis hinaus fragen europäische Kommentatoren nach den Signalen, die diese WM ausgesandt hat.
Für einen Moment die Welt stillstehen lassen
Kolumnist Antonio Lucas feiert in El Mundo den Triumph der Spanier:
„Was für ein Moment, als Trump Spanien, diesem 'Undankbaren', diesem 'hoffnungslosen Fall', diesem 'schrecklichen Partner' mehr als 20 Goldmedaillen umhängte. ... An diesem Tag mit Fremden am Strand zu tanzen, gemeinsam Trikots zu schwenken, im Gleichklang zu jubeln, zu weinen, zu lachen und sich – wenn nötig – sogar die Kleider vom Leib zu reißen: ein wahrer Hexensabbat. ... Die Nationalmannschaft beflügelt die kollektive Fantasie. Was braucht eine Gesellschaft zu dieser nächtlichen Stunde mehr? ... Kein Platz für Politik oder den Dreck des Alltags, denn hier geht es einzig um elf Männer und einen Ball – und darum, die Welt für einen kurzen Augenblick stillstehen zu lassen.“
Wider Erwarten großartig
Sebastian Wendel, WM-Korrespondent der Aargauer Zeitung, war positiv überrascht:
„Kann mich eine WM im Trump-Land wirklich packen? Nach sechs Wochen in Nordamerika blicke ich fasziniert zurück. Klar, 30.000 Flugkilometer für sechs Nati-Spiele [der Schweizer Nationalmannschaft] sind kein Ruhmesblatt. Doch an was werde ich mich noch in 30 Jahren erinnern? An die wunderbaren und erstaunlich vollen Stadien. An die durchs Band friedliche Stimmung. An die 20.000 frenetischen Fans vor dem Teamhotel der Kolumbianer in Vancouver. An den Argentinier in Kansas City, der mir erzählte, er habe für WM-Tickets sein Auto verkauft. ... Selbst als das Turnier nach Donald Trumps Intervention bei Gianni Infantino zu kippen drohte, hat der Sport die Angelegenheit geregelt: In Form des diskussionslosen Sieges der Belgier gegen den Gastgeber.“
Symbol für Maßlosigkeit
Rekordeinnahmen allein machen das Turnier noch lange nicht zu einem Highlight, findet La Libre Belgique:
„Trotz des finanziellen und sportlichen Erfolgs wird diese WM als Symbol für einen Fußball in Erinnerung bleiben, der endgültig ins Maßlose abgedriftet ist: Ein auf 48 Nationalmannschaften erweitertes Turnier, ein Spielplan, der die körperlichen Grenzen der Spieler immer weiter strapazierte, Ticketpreise, die jeglichen Bezug zur Realität der Fans verloren haben, eine Verbandsführung, die allzu oft nur schweigt oder inszeniert, sowie der Verdacht politischer Einflussnahme. … Hinzu kommen rassistische Äußerungen und die verweigerte Einreise des somalischen Schiedsrichters. … Infantino wird zwar Rekordeinnahmen bekannt geben, doch es geht nicht nur um den Umsatz.“
Im Fußball ist nichts mehr sicher
Bei dieser WM ist die alte Fußballordnung ins Wanken geraten, analysiert Le Figaro:
„Brasilien (fünfmaliger Sieger) hat keine Stars mehr und der deutschen Mannschaft (viermaliger Sieger) fehlt es an Inspiration: Symbolisiert das den Niedergang Deutschlands? Und zahlreiche afrikanische Länder waren kurz davor für Überraschungen zu sorgen: Kap Verde, Côte d‘Ivoire, Senegal, Ägypten… Ist das der Beginn des Aufstiegs des Südens, dessen Spieler vielfach im Norden ausgebildet wurden? ... Die WM hat Frankreich erneut gezeigt, dass im Fußball nichts sicher ist. In einem von Krisen erschütterten Land klammerte man sich an die 'Bleus'. … Als Favoriten gehandelt, sollten sie dem Land neue Hoffnung schenken. ... Eine Enttäuschung.“