Ukraine: Warum muss Armeechef Syrskyj gehen?

Nach tagelangen Protesten in der Ukraine hat Präsident Wolodymyr Selenskyj Armeechef Olexander Syrskyj entlassen. Zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte wurde General Mychajlo Drapatyj ernannt. Die Proteste waren entflammt, nachdem Selenskyj den beliebten Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow entlassen hatte.

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Corriere della Sera (IT) /

Verhinderer von Reformen

Die Entscheidung ist ein Sieg für den entlassenen Verteidigungsminister, kommentiert Corriere della Sera:

„Bei seinem Abgang bezeichnete Fedorow Syrskyj als das größte Hindernis für jene Reformen, die es der Ukraine ermöglichten, Russland härter zu treffen. Der General wollte mehr Panzer und Artillerie? Der Minister drängte auf mehr Roboter. ... Syrskyj, geboren in der Nähe von Moskau, Jahrgang 1965, an sowjetischen Militärschulen ausgebildet, verstand wenig von den Innovationen, die der junge Fedorow eingeführt hatte, der enge Verbindungen zu den amerikanischen Big-Tech-Unternehmen im Silicon Valley pflegte. Doch auch Selenskyj betrachtet die Ambitionen des Ministers mit Misstrauen, weil sie seine eigene Stellung und sein öffentliches Ansehen zu überschatten begannen.“

Yury Bogdanov (UA) /

Er hatte auch seine Verdienste

Publizist Jurij Bohdanow würdigt den scheidenden Oberbefehlshaber auf Facebook:

„Ja, die Entlassung von Oleksandr Stanislawowytsch [Syrskyj] ist sowohl politisch als auch aus Sicht des gesunden Menschenverstands der richtige Schritt, da sich objektiv zu viele Krisen und Probleme angesammelt haben. Das beeinträchtigte auch das Vertrauen erheblich – sowohl innerhalb der Armee als auch zwischen der Gesellschaft und der Armee. Aber man sollte nicht vergessen, dass Syrskyj zwölf Jahre lang gegen Russland gekämpft hat. Und ja, ihm haben wir [die Verteidigung von] Kyjiw, die Charkiwer Gegenoffensive und vieles mehr zu verdanken. Auch das ist Teil der komplexen Realität.“

Volodymyr Yermolenko (UA) /

Präsident hört auf die Straße

Philosoph und Publizist Wolodymyr Jermolenko macht auf Facebook auf die Machtwirkung von Protesten in der Ukraine aufmerksam:

„Selenskyj ist ein Populist, und Populisten achten auf die Meinung der Gesellschaft. Manchmal ist das nicht einmal so schlecht. Zumindest wissen wir, dass gesellschaftlicher Druck in unserem Land eine Rolle spielt. Populismus ist eine kranke Form der Demokratie - doch selbst diese kranke Form ist besser als eine Tyrannei.“

Wolodymyr Fessenko (UA) /

Bester Kandidat für die Nachfolge

Politologe Wolodymyr Fessenko begrüßt auf Facebook die Entscheidung von Präsident Selenskyj:

„Die Entlassung von Oleksandr Syrskyj und vor allem die Ernennung von Mychajlo Drapatyj [zum Oberbefehlshaber] sind eine teilweise Lösung der politischen Probleme, die durch die Absetzung von Mychajlo Fedorow vom Posten des Verteidigungsministers entstanden sind. Die Ernennung Drapatyjs ist ein offensichtliches Versöhnungssignal an Fedorow und den 'Pappschilder-Maidan'. Zugleich ist sie wohl objektive Anerkennung der Tatsache, dass Drapatyj unter den wenigen Kandidaten für den Posten des Oberbefehlshabers am besten für diese Position geeignet ist.“

HuffPost Greece (GR) /

Zweifelhafter Umgang mit Erfolg

Zur Absetzung des beliebten Verteidigungsministers Fedorow schreibt HuffPost Greece:

„Die Entscheidung trägt alle Merkmale von Selenskyjs Tendenz, hochrangige Beamte und Kommandeure zu entlassen, die übermäßig populär werden, in Erwartung hypothetischer Wahlen, die niemals stattfinden werden, sollte Russland die Ukraine überrennen. Beamte, denen Korruption, Inkompetenz oder Misswirtschaft vorgeworfen werden, genießen oft deutlich mehr Nachsicht – ja sogar Schutz – von Selenskyj, solange sie seine Popularität nicht gefährden.“