Was steckt hinter den Drohnenangriffen in Europa?
Vorfälle mit Drohnen scheinen sich in Europa zu häufen: Ein Zug auf dem Weg von Kyjiw nach Warschau wurde angegriffen, Nato-Kampfjets schossen eine Drohne ab, die in den litauischen Luftraum eingedrungen war, und am Flughafen Leipzig/Halle wurde eine Drohne mit Sprengstoff gefunden und entschärft. Kommentatoren beleuchten Hintergründe und regionale Betroffenheiten.
Bitte keine Märchen mehr
Dainius Gaižauskas, Parlamentsabgeordneter der Bauern- und Grünen-Partei, fordert eine glaubwürdige Lageanalyse der litauischen Verteidigungsfähigkeit:
„Innerhalb von zwei Tagen – vier Vorfälle. Zwei davon stellten sich als Vögel heraus. In einem anderen Fall ist ein von Radaren erfasstes Objekt, vermutlich eine Drohne, aus Belarus eingeflogen. ... Keine Kampfjets sind aufgestiegen. Und in der Nacht auf Dienstag – eine echte Drohne. Sie wurde abgeschossen. Gut. So soll die Verteidigung eines Nato-Staates funktionieren. Das ist keine Heldentat. ... Man sollte aufhören, den Menschen Märchen über unsere Fähigkeiten zu erzählen. In Fragen der nationalen Sicherheit darf man weder lügen noch die Lage beschönigen. Man sollte keine Illusion von Sicherheit dort erzeugen, wo es noch offensichtliche Lücken gibt.“
Der Krieg dringt in die Köpfe ein
Die Auswirkungen des Krieges greifen nach Europa über, beobachtet Le Soir:
„Drohnen greifen an den Nato-Grenzen an: Gezielt wird auf die Infrastruktur. Und unsere polnischen Nachbarn werden mitten in der Nacht aufgeweckt und nunmehr geschult, die Bedrohungen zu erkennen. Die EU scheint ihre Wortwahl an diese Realität angepasst zu haben. … Am Anfang des russischen Einfalls in die Ukraine haben wir uns gefragt, ob Europa noch an den Krieg glauben kann. Vier Jahre später fragen wir uns, wie wir uns darauf vorbereiten sollen. Das Beunruhigendste ist vielleicht nicht mehr, dass die Möglichkeit eines dritten Weltkriegs sich in den Köpfen der europäischen Bürger breitgemacht hat, sondern dass sie allmählich den Alltag vieler auf den Kopf stellt.“
Korridor zum Atlantik im Visier
Russland provoziert weiter und verfolgt dabei klare Ziele, meint La Stampa:
„Eine Drohne am Himmel über Litauen, zwei Leuchtraketen gegen einen dänischen Hubschrauber und vor allem heftige Drohungen gegen Polen: Das Russland unter Wladimir Putin verstärkt seine militärischen Provokationen gegen Nordeuropa, um die Nato unter Druck zu setzen, und eröffnet damit eine zweite Krisenfront, die zum Krieg in der Ukraine hinzukommt. Während der Angriff auf Kyjiw im Jahr 2022 den Willen des Kremls offenbart hat, Odessa zu erobern, um wieder die Herrschaft über das Schwarze Meer – das Tor zu den südlichen Meeren – zu erlangen, zeigen die aktuellen Ereignisse in Nordeuropa, dass nun die Ostsee, der Korridor zum Atlantik, ganz oben auf der Agenda des Kremls steht.“
Druck auf EU steigt
El Mundo betont die Notwendigkeit für Europa, auf wirksame Verteidigung zu setzen:
„Der Ostseeraum ist der ideale Schauplatz. ... Grenzüberschreitende Drohnenflüge, elektronische Störmaßnahmen, Bedrohung der Unterwasserinfrastruktur, Zwischenfälle zur See, Aktionen mit unklarer Urheberschaft. ... So werden Reaktionszeiten und politische Spaltung bei vergleichsweise geringem Aufwand ausgelotet. In der Gesamtschau ergibt sie das Bild einer Strategie, die dauerhaften Druck auf Europa ausüben soll. ... Die EU ist wirtschaftlich und technologisch stark genug, um Moskau von einer weiteren hybriden Eskalation abzuhalten. Dieses Potenzial muss aber in wirksame Verteidigungsfähigkeit umgemünzt werden, und dazu sind politischer Willen und solide Investitionen in die Sicherheit nötig.“
Russland weder unter- noch überschätzen
Moskau hat Gründe, auf Spaltung zu setzen, erklärt Newsweek Polska:
„Russland ist militärisch ein starker Staat – in Hinblick auf die Menge an Ausrüstung und Soldaten, nicht auf die Qualität des Geräts oder die Ausbildung des Personals. Russland ist allerdings nicht stärker als der gesamte europäische Teil der Nato. Der größte Fehler wäre deshalb, Russland zu unterschätzen oder zu überschätzen. Ersteres kann zu einem Krieg führen. Letzteres führt schon vor dessen Beginn zu einer Politik der Kapitulation. Und genau darauf setzt der Kreml, wenn er die Nato bedroht, seine Terroristen losschickt und Trollfarmen in den Kampf schickt. ... In Moskau weiß man sehr genau, dass Russland gegen ein geeintes Europa keine Chance hat, einen Konflikt zu gewinnen.“