Farage gewinnt gegen "Graf Mülltonnengesicht"
Der britische Nationalpopulist Nigel Farage hat die von ihm nach Korruptionsvorwürfen selbst initiierte Nachwahl in seinem Wahlkreis Clacton in Essex mit 63 Prozent der Stimmen gewonnen. Allerdings hatten alle großen Parteien aus Protest keine Gegenkandidaten aufgestellt. So avancierte der als "Count Binface" antretende Komiker Jon Harvey zum einzigen gewichtigen Gegner. Die Medien analysieren die Wahl-Farce dennoch mit dem gebotenen Ernst.
Burnhams Schwung ist für Reform UK gefährlich
Farage und seine Partei stecken in einer schwierigeren Lage, als es das Ergebnis vermuten lässt, beobachtetet Der Tagesspiegel:
„In aktuellen Umfragen kommt die Partei auf 22 Prozent, vor vier Wochen waren es noch 28. ... Seine große Farage-Show in Clacton hat zudem nicht so funktioniert wie geplant. ... Und dann ist da Andy Burnham. Der neue Premier legt seit Mitte Juli einen bemerkenswerten Start hin, wirkt nahbar und umtriebig. Erstmals seit Langem ist Labour in den Umfragen wieder vorn. Das ist für Farage gefährlich. Denn sein Aufstieg lebt auch von der Erzählung, dass die etablierten Parteien nichts zustande bringen und nur Reform für einen politischen Neuanfang steht. Wenn Burnham diese Erzählung ins Wanken bringt, verliert Farage sein wichtigstes Argument.“
Ein bedeutungsloser Sieg
Farage hat mit seinem Manöver nichts gewonnen, glaubt Financial Times:
„Dieser Sieg des Rechtspopulisten wird ihm nicht dabei helfen, den wachsenden Fragen zu seinen Finanzen und denen seiner Partei auszuweichen. Ebenso wenig wird er das Problem der sinkenden Umfragewerte von Reform lösen oder das der strategischen Sackgasse, in der sich die Partei derzeit befindet. ... Der Vorsitzende der Reform-Partei hat gezeigt, dass er in Clacton nach wie vor beliebt ist – jenem Wahlkreis mit starker Brexit-Unterstützung, den er sich 2024 gezielt als beste Chance auf einen Einzug ins Parlament ausgesucht hatte. Doch zumindest vorerst scheinen Farages Chancen, es bis zur Downing Street Nr. 10 zu schaffen, geringer zu sein als noch vor einigen Monaten.“
Unseriosität offenbart
Politiken sieht Farage trotz seiner sicheren Wiederwahl geschwächt:
„Nigel Farage und seine nationalkonservative Partei Reform UK profitieren schon seit Langem von der tiefen politischen Krise Großbritanniens. Bei den Parlamentswahlen 2024 erhielten sie mehr als jede vierte Stimme. Doch vielleicht hat die Kombination aus dem Rücktritt des ehemaligen Premierministers Keir Starmer zugunsten von Andy Burnham und den Enthüllungen über Farages Rechtsverstöße die britischen Wähler endlich aufgerüttelt. … Die Farce in Clacton sollte der Anfang vom Ende sowohl für Nigel Farage als auch für Reform UK sein. Premierminister Andy Burnham hat einen guten Start hingelegt – und Farage hat seine eigene Korruption und Unseriösität offenbart.“
Warum der Mülleimer so populär ist
Ewropeiska Prawda sieht den Stimmenanteil von 27 Prozent für Count Binface als Ergebnis einer Protestwahl:
„Die Wähler zeigten ihre Bereitschaft, für den absurdesten Kandidaten zu stimmen – Hauptsache nicht für Farage. Dabei kam die hohe Popularität von Count Binface keineswegs überraschend. Der britischen Gesellschaft gefiel die Hartnäckigkeit des Komikers mit dem Mülleimer über dem Kopf – und man begann sogar, ihn in landesweiten Umfragen zu berücksichtigen. … Man kann sagen, dass der Erfolg von Count Binface nicht nur die Haltung eines beträchtlichen Teils der Briten gegenüber Nigel Farage widerspiegelt, sondern auch ein Symptom für die Einstellung eines Teils der britischen Bevölkerung zur gegenwärtigen Politik ist.“