Nach Zwangsräumung: Rentnerin Maricarmen gestorben
Zwei Wochen nach ihrer Zwangsräumung ist die 87-jährige Spanierin Maricarmen Abascal im Krankenhaus gestorben. Ihr Schicksal hatte landesweite Proteste gegen die Wohnungskrise ausgelöst. Für den 11. November ist dieses Problem Anlass für einen Generalstreik in Spanien. Die Medien beschäftigen sich mit der Symbolkraft des Todes der Madrider Rentnerin.
Beschämende Skrupellosigkeit
El Periódico de Catalunya konstatiert ein moralisches Versagen von Staat und Gesellschaft:
„Die emotionale Erschütterung über den Tod von Maricarmen Abascal geht weit über das Politische hinaus; sie rüttelt das Gewissen angesichts der Erkenntnis wach, dass ein massives kollektives Versagen diesen Tod verursacht hat, und sie verändert den gesamten Vorwahlkampf. ... Wenn ein System in die Hände von Finanzkonstrukten ohne nennenswerte ethische Skrupel gerät, neigt es zur Degeneration. ... Es ist ein kollektiver Affront, dass die viertgrößte Volkswirtschaft der EU, mit oder ohne entsprechende Gesetze, Fälle wie diesen toleriert; das weltweite Medienecho verdeutlicht, in welchem Maß das Ereignis menschlich unerträglich und politisch beschämend ist.“
Es darf sich nicht wiederholen
Naftemporiki hofft, das Maricarmens Tod aufgrund seiner breiten Resonanz ein Einzelfall bleibt:
„Die Frage ist, was sich rechtzeitig ändern kann, für dem nächsten Menschen, der sich in ihrer Lage befindet wird. Welche Sicherheitsvorkehrungen sind notwendig, wer übernimmt die Verantwortung, wie schnell kommt eine Lösung, wenn der Mensch keine Zeit zum Warten hat? 'Kämpft, kämpft weiter für das, was euch zusteht', hatte sie gesagt. Maricarmen kehrte nicht zurück. Wenn die Mobilisierung, die sie ausgelöst hat, andere schützt, wird ihr letzter Weg etwas verändert haben. Sie selbst hätte jedoch das Recht gehabt, ihre eigene Rückkehr zu erleben.“
Obszöne Instrumentalisierung eines Schicksals
El Mundo kritisiert die Regierungsparteien:
„Der Tod von Maricarmen Abascal hat verständlicherweise für große öffentliche Erschütterung gesorgt – eine Erschütterung, die weder die Regierung noch ihre Partner instrumentalisieren dürfen. ... Kein noch so hehres Anliegen – und die Lage auf den Wohnungsmarkt ist ein solches – rechtfertigt es, aus diesem tragischen Schicksal schamloses politisches Kapital für Wahlkampfzwecke zu schlagen. ... Die Regierung hat versagt und das macht die parteipolitische Ausschlachtung durch die PSOE und die Linke besonders skandalös. ... Eine verantwortungsvolle Regierung würde sich der Wohnungsfrage durch strukturelle und dauerhafte Lösungen stellen.“
"Kämpft weiter, für das, was euch gehört!"
Schriftsteller Isaac Rosa gibt in eldiario.es dem Turbokapitalismus die Schuld am Tod der Rentnerin:
„Maricarmen wurde ihres Zuhauses, ihres Viertels, ihrer ganzen Welt beraubt. Menschen können aus Trauer, Hilflosigkeit, Angst sterben. ... Wäre Maricarmen nicht gewesen, hätten ihre Räumungskläger den Preis der Wohnung noch viel schneller in die Höhe treiben können. Jetzt, mit ihrem Tod, haben sie, was sie wollten. Der Turbokapitalismus verschlingt Stadtteile und Familien. … 'Kämpft weiter für das, was euch gehört', sagte sie am Tag ihrer Zwangsräumung. … Maricarmen wird bei den Demonstrationen, beim Generalstreik am 11. November und bei jeder gestoppten Zwangsräumung präsent bleiben.“
Diese Frau hat Spanien verändert
Maricarmens Erbe ist enorm, schreibt El País:
„Ohne Maricarmen hätte es weder die Protestlager noch Zehntausende Demonstranten gegeben. ... Ohne sie hätten die Politiker nicht plötzlich nach Antworten und Lösungen gesucht, die Regierung hätte nach acht Jahren an der Macht nicht eilig Dekrete verabschiedet, um weitere Zwangsräumungen zu verhindern. Ohne Maricarmen wären die Wahlen wohl nicht auf den 29. November vorgezogen worden. Und ohne sie ist es schwer vorstellbar, dass für den 11. November ein Generalstreik ausgerufen worden wäre. Es gab eine Unzufriedenheit im Land, quer durch die Generationen und jenseits aller Ideologien, aber erst diese zerbrechliche und schutzlose Frau hat die Dinge in Bewegung gebracht. Spanien hat sich in diesen zwei Wochen verändert.“