Massiver Angriff auf Kyjiw: Eine Botschaft an Europa?

Bei einem massiven russischen Angriff auf Kyjiw sind am Donnerstag mindestens 23 Menschen getötet worden. Der ukrainischen Luftwaffe zufolge wurden 629 Drohnen, Hyperschall- und ballistische Raketen sowie Marschflugkörper eingesetzt. Auch das Büro der EU-Vertretung und andere Institutionen im Stadtzentrum wurden dabei schwer beschädigt. Die möglichen Botschaften hinter der Attacke debattiert Europas Presse.

Alle Zitate öffnen/schließen
La Repubblica (IT) /

Schuss vor den Bug

Der Angriff richtet sich auch gegen die EU, warnt La Repubblica:

„Der russische Bombenangriff auf den Sitz der EU-Vertretung und des British Council in Kyjiw ist kein Zufall. Die über 600 Drohnen, die Putin auf die ukrainische Hauptstadt abgefeuert hat und die ein Blutbad unter der Zivilbevölkerung angerichtet haben, waren präzise auf materielle und immaterielle Ziele ausgerichtet. ... Das erste Ziel sind natürlich die Illusionen einer ernsthaften Friedensverhandlung, die nur Trump weiter nährt, um nicht zugeben zu müssen, dass sein Freund Putin ihn weiterhin an der Nase herumführt und ihn mittlerweile an der kurzen Leine hält. Das zweite Ziel ist eindeutig Europa, das allein dasteht, die Ukraine zu verteidigen und die russische Aggression abzuwehren.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE) /

Tödliche Raketen statt Verhandlungen

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung interpretiert:

„Da die Russen selbst sagen, sie hätten in der Nacht auf Donnerstag 'Hochpräzisionswaffen' eingesetzt, muss man davon ausgehen, dass die Beschädigung der EU-Vertretung, des British Council und des Büros des US-Senders Radio Liberty in Kiew beabsichtigt war. Es ist Putins Art, dem Westen mitzuteilen, was er von den jüngsten Versuchen hält, eine Verhandlungslösung für den Krieg zu finden ... . Präsident Selenskyj hat recht, wenn er feststellt, Russland habe sich für ballistische Raketen statt für den Verhandlungstisch entschieden.“

eldiario.es (ES) /

Mögliche Reaktion auf von der Leyens Frontbesuch

Brüssel-Korrespondentin Regina Laguna kommentiert in eldiario.es:

„Der Angriff auf das EU-Hauptquartier in Kyjiw hat eine rote Linie überschritten. Vielleicht ist er Russlands Reaktion auf von der Leyens Besuch an der neuen imaginären Frontlinie. So zumindest könnte man es aus Moskaus Sicht betrachten, da die Kommissionspräsidentin die Truppen inspiziert, die der Regierung des russischen Präsidenten Wladimir Putin am unversöhnlichsten gegenüberstehen. Von der Leyens dreitägige Reise beginnt in Lettland und führt weiter nach Finnland, Estland, Polen, Litauen, Bulgarien und Rumänien. Ihr Besuch 'unterstreicht die Unterstützung der EU für die Mitgliedstaaten, die mit den Herausforderungen einer gemeinsamen Grenze zu Russland oder Belarus konfrontiert sind', heißt es in einer Erklärung.“

Wiktor Schlintschak (UA) /

Chinas Rolle könnte entscheidend sein

Ein Signal an Peking sieht hingegen der Politologe Wiktor Schlintschak auf Facebook:

„Mit dem Beschuss von Kyjiw signalisiert Putin an China, dass Trump ihm keine Vorschriften machen kann. In einer Woche steht der Besuch des Anführers des russischen Terrorismus in Peking an. Dort braucht er Zusicherungen, dass die Chinesen ihm den Rücken stärken – zumindest durch höhere Öleinkäufe. Im besten Fall sogar durch den offenen Verkauf von Waffen (unter dem Vorwand, die USA täten schließlich dasselbe für die Ukraine). So seltsam es klingt: Der Ball rollt nun zunehmend in Richtung China, nicht in Richtung USA. Denn Peking könnte diesen Krieg mit seinen Entscheidungen tatsächlich auf Pause stellen – oder im Gegenteil das Spiel weiter vorantreiben.“