Entlassungen bei Washington Post: Was macht Bezos?

Bei der Washington Post, einer der renommiertesten US-Zeitungen, ist rund einem Drittel der Redaktion gekündigt worden. Amazon-Gründer Jeff Bezos hatte das finanziell angeschlagene Blatt 2013 von der Besitzerfamilie aufgekauft und zunächst investiert. Während Trumps erster Amtszeit (2017 bis 2021) gehörte das Medium zu den kritischsten Stimmen. In der aktuellen Amtszeit suchte Bezos verstärkt die Nähe des Präsidenten.

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Der Standard (AT) /

Impulsiv und unüberlegt

Bezos täte gut daran, die Washington Post zu verkaufen, meint Der Standard:

„Verluste von bis zu 100 Millionen Dollar im Jahr sind nicht durchzuhalten und verlangen radikale Einschnitte. Ob der jetzige Weg der richtige ist – Schließung der Sport- und des Regionalressorts, Abbau im immer noch großen Korrespondentennetz – bleibt dahingestellt. Vieles, was Bezos tat und tut, wirkt impulsiv und unüberlegt. Seine Angst vor Repressionen der Trump-Regierung gegen Amazon untergräbt die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit seiner Zeitung. Daher wäre es viel klüger, er würde die Post verkaufen. Aber auch ein neuer Eigentümer, und sei er noch so großzügig, käme um eine Verkleinerung der Redaktion nicht herum, und selbst dann wäre das Überleben der Post nicht gesichert.“

Der Spiegel (DE) /

Auf Mäzene ist eben kein Verlass

Das Argument, dass Geldprobleme zu den Entlassungen geführt haben, hinterlässt den Spiegel fassungslos:

„[W]ar es nicht Bezos, der eben noch knappe 75 Millionen Dollar in Produktion und Marketing eines PR-Films für die Frau des US-Präsidenten steckte, ein – nach allem, was man bisher absehen kann – massives Verlustgeschäft? ... Der Fall Jeff Bezos ... ist das Vorspiel für ein weltweites Schmierenstück. Wo Journalismus an Meistbietende verscherbelt wird, die aus ihren Redaktionen den letzten Rest an Glaubwürdigkeit pressen, ist der Abgrund immer nur ein paar Quartalsberichte entfernt. Auf Mäzene ist kein Verlass: Was bringt einem ein 'Retter', der seine Verlobte zum Junggesellinnenabschied ins All schießt, aber die eigenen Mitarbeiter an der Front verhungern lässt?“

Sewhil Mussajewa (UA) /

Verrat am Journalismus

Bezos wählt den Weg des politischen Komforts, schreibt die Chefredakteurin von Ukrajinska Prawda Sewhil Mussajewa auf Facebook:

„Jeff Bezos demonstriert in dieser Situation eine sehr klare Prioritätensetzung: Anstatt in komplexen, teuren und kritisch notwendigen internationalen Journalismus zu investieren, wählt er den Weg des politischen Komforts, indem er versucht, loyale Beziehungen zur derzeitigen Trump-Administration aufzubauen. Parallel dazu investiert er Millionen Dollar in die Produktion und Promotion des grotesken Films über die First Lady – 'Melania'. Das ist eine derart abstoßende, demonstrative Ersetzung journalistischer Werte durch Glamour, Loyalität und den Verzicht auf kritische Fragen, dass einem davon übel wird.“