Olympia-Athlet disqualifiziert: Berechtigter Schritt?
Ein Helm mit Bildern von 20 im Ukraine-Krieg getöteten Sportlern sorgt für Aufregung: Damit wollte der ukrainische Skeleton-Fahrer Wladislaw Heraskewytsch seiner Kolleginnen und Kollegen gedenken und wurde von den Olympischen Winterspielen wegen Regelverstoßes ausgeschlossen. Europäische Kommentatoren hinterfragen, ob das eine kluge Entscheidung des IOC war.
Sport steht nicht außerhalb der Ethik
Die Menschenrechtsaktivistin Olexandra Matwijtschuk richtet auf Facebook einen Appell an das IOC:
„Ich möchte das Internationale Olympische Komitee daran erinnern, dass der Sport außerhalb der Politik steht, aber nicht außerhalb der Ethik. Heraskewytschs Helm, als Gedenken an die ukrainischen Sportler, die Teil der olympischen Bewegung waren, mag den Kreml irritieren, sollte jedoch bei den Vertretern des Internationalen Olympischen Komitees keine Fragen aufwerfen. Und ja: Erinnerung ist kein Regelverstoß.“
Mehr Fingerspitzengefühl wäre angebracht gewesen
Das IOC hat seine Regelung zu eng ausgelegt, kritisiert der Tagesspiegel:
„'Jede Demonstration oder politische, religiöse oder rassische Propaganda ist an den olympischen Stätten, Austragungsorten oder in anderen olympischen Bereichen untersagt', heißt es in der Olympischen Charta. Doch ist das Gedenken an getötete Sportler schon 'politische Propaganda'? Bei den Winterspielen in Peking vor vier Jahren hielt Heraskewytsch ein Schild in die Kamera mit der Aufschrift 'No War in Ukraine', knapp zwei Wochen später griff Russland an. Das IOC stufte es als 'allgemeinen Aufruf zum Frieden' ein, und damit nicht als Verletzung von Paragraf 50. Auch dieses Mal hätte das IOC Fingerspitzengefühl zeigen können.“
Opferporträts sind keine Losungen
Der Chefredakteur des TV-Kanals Doschd, Tichon Dsjadko, sieht in Echo die Disqualifikation des Sportlers als Beleg für Abstumpfung gegenüber dem Leid der Ukrainer:
„Man könnte das IOC verstehen, wenn auf seinem Helm eine beleidigende Losung oder Aussage, das Logo einer politischen Partei oder ein Aufruf zu Gewalt abgebildet gewesen wäre. Aber hier gab es nichts dergleichen: Porträts von Menschen, die an den Olympischen Spielen teilnehmen könnten, dies aber nie tun werden, weil sie in diesem sinnlosen und grausamen Krieg getötet wurden, der für die Welt zur Normalität geworden ist. Wofür diese IOC-Entscheidung ganz offensichtlich eine weitere Bestätigung ist.“
Sperrung ist voller Widersprüche
Wenn das IOC auf unpolitische Spiele pocht, verhält es sich inkonsequent, so Irish Independent:
„Hat das IOC vergessen, dass es im Jahr 2022 Russland und Belarus von allen olympischen Wettbewerben ausgeschlossen hat? Und dass es damit das deutlichste politische Signal eines Sportverbandes seit dem Ende der Apartheid gesetzt hat? Die Ironie daran ist, dass das IOC vor vier Jahren tatsächlich das Richtige getan hat. Es hat mehr Rückgrat gezeigt als eine Reihe anderer Dachverbände, insbesondere die globalen Tennis-Turniere, die Wimbledon feige dafür abstraften, dass es Haltung gegen Wladimir Putin zeigte. Und doch wirkt das IOC nun durch den Ausschluss von Heraskewytsch selbst wie der Bösewicht.“