Schmerzhafte Ignoranz gegenüber der Realität
Die Gala hat die Trump-Realität weitgehend ignoriert, kritisiert Der Spiegel:
„[I]n der eisgekühlten Eleganz des Theaters, dessen aggressives Zen-Dekor absichtlich als 'Fluchtpunkt vor einer chaotischen Welt' entworfen war, spürte man am Ende kaum etwas davon, dass sich die USA gerade in einem Krieg befinden, der die globale Ordnung ins Wanken bringt. Oder dass die ehrwürdige US-Demokratie bald fast nur noch auf dem Papier existiert. Oder dass Hollywood vor dem Untergang steht, na gut, mal wieder, aber diesmal vielleicht endgültig. Der Splitscreen war schmerzhaft. Draußen eine Nation zwischen Krieg und Autokratie. Drinnen eine glamouröse Selbstbeweihräucherung.“
Spiegelbild von Hollywood
Die Warner-Produktionen "One Battle after Another" und "Blood and Sinners" räumten an diesem Abend mit insgesamt zehn Oscars ab. Público sieht darin ein Symbol für die Widersprüchlichkeit der US-Filmindustrie:
„Die Ironie dabei ist, dass der Erfolg von Warner mit diesen beiden Filmen etwas von einem 'letzten Hurra' hatte – und das zu einem Zeitpunkt, an dem das Studio, das gerade für seine freie Hand bekannt ist, kurz davor steht, von einem Paramount übernommen zu werden, das nur wenig risikofreudig ist und in gefährlicher Nähe zur aktuellen US-Regierung steht. Die Oscars sind vor allem ein Spiegelbild der amerikanischen Filmindustrie und der Art und Weise, wie sie sich verhält – mal wie eine Krabbe (für jeden Schritt nach vorne macht sie zwei zur Seite), mal wie ein Strauß (der den Kopf in den Sand steckt und darauf wartet, dass der Sturm vorüberzieht).“
Darauf einen Martini!
Die Salzburger Nachrichten sind alles in allem dennoch zufrieden mit dem Abend:
„'Das ist ziemlich großartig, gehen wir drauf einen Martini trinken!' ... [D]er große Gewinner Paul Thomas Anderson brachte die Stimmung des Abends auf den Punkt: Angesichts des befremdlichen Irrsinns, der sich in der Welt rund um das Dolby Theatre in L. A. abspielt, bleibt wohl nichts, als zu feiern, dass man wenigstens künstlerisch das Beste daraus gemacht hat. Denn auch wenn sich sowohl Moderator Conan O’Brien als auch der überwiegende Teil der Preisträger in ihren Dankesreden mit allzu eindeutigen politischen Aussagen tunlichst zurückhielten, in den ausgezeichneten Werken wird oft recht offensichtlich Stellung bezogen, dabei ist das Niveau durch die Bank so hoch wie lange nicht. Und da soll noch mal jemand sagen, die Kunstform Kino sei am Aussterben.“
Herber Schlag für die Kreml-Propaganda
Pawel Talankins Doku über den Schulalltag im Ural "Ein Nobody gegen Putin" hat den Oscar für den besten Dokumentarfilm bekommen. Der Chefredakteur der Nowaja Gaseta Ewropa, Kirill Martynow, bewertet den Film auf Facebook:
„Die Propaganda fährt von diesem Oscar schwere Verluste ein. Wie man sieht, ist die russische Kultur in der Welt nicht abgeschafft, wenn sie von menschlichen Werten erzählt. In Talankins Film gibt es keinen Hass gegen das eigene Land, aber Verbitterung darüber, was der Staat mit den Menschen macht. Er ist eine exakte humanistische These, die für den Kreml deshalb besonders unangenehm ist, weil er auf sie keine Antworten hat. Außer Behauptungen, Talankin sei angeblich ein Verräter, weil er Frieden für die Russen und alle Menschen will.“