Social-Media-Branche haftet für Sucht: Der Wendepunkt?

In einem Zivilprozess um das Sucht-Potenzial von Social-Media-Plattformen hat ein US-Gericht Instagram und Youtube zu hohen Entschädigungszahlungen verpflichtet. Die verurteilten Konzerne können in Berufung gehen. Andere Plattformen wie Snapchat und Tiktok waren dem Prozess zuvor durch einen Vergleich entgangen. Europas Presse sieht Chancen für eine Neuregulierung des Sektors.

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The Economist (GB) /

Das Urteil könnte schnell viral gehen

The Economist hofft, dass die Entscheidung zum Präzedenzfall wird:

„Einige Anwälte haben die Klagen mit den Verfahren gegen die Tabakindustrie vor einigen Jahrzehnten verglichen, die schließlich zu einer umfassenden Regulierung der Branche führten. Amerika ist nicht der einzige Ort, an dem Social-Media-Apps verstärkt ins Visier genommen werden. ... Eine im vergangenen Jahr vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos in 30 Ländern durchgeführte Studie fragte nach, ob Kinder unter 14 Jahren von sozialen Medien ausgeschlossen werden sollten – und stellte fest, dass sich in jedem einzelnen Land eine Mehrheit dafür aussprach. Das Urteil in Kalifornien könnte bald viral gehen.“

Corriere della Sera (IT) /

Toxische Fehlentwicklung umkehren

Eine Kurskorrektur wäre möglich, so Corriere della Sera:

„Dies ist das Ende der Ära algorithmischer Toxizität. Soziale Medien waren schließlich nicht immer so: In der Anfangszeit waren Facebook, Instagram, Youtube und Twitter nicht darauf ausgelegt, Sucht zu erzeugen, indem sie Inhalte potenzieren, die unsere Schwächen und dunkelsten Seiten ausnutzen. Engagement-Algorithmen wurden vor einem Jahrzehnt eingeführt. Und die Entwicklung hat sich mit dem Aufkommen von Tiktok noch beschleunigt. Dieser Wandel hat wirtschaftliche Imperien entstehen lassen, aber dabei den Populismus gestärkt und Demokratien geschwächt. Zu den Hauptleidtragenden gehören jene junge Menschen und Kinder, die manch ein Wissenschaftler schon als 'Generation Angst' [Jonathan Haidt, 2024] bezeichnet.“

The Independent (GB) /

Architekten sind für geschaffene Räume verantwortlich

The Independent reflektiert:

„Jahrelang sind Meta und andere Unternehmen damit durchkommen, sich als Schöpfer eines ungezügelten Marktplatzes darzustellen. Sie stellten – so ihr Argument – nur den Raum zur Verfügung. Entsprechend sei es nicht ihre Schuld, wenn manche diesen nutzten, um andere zu schikanieren, zu missbrauchen oder zu täuschen. Jeder gute Architekt weiß allerdings, dass das Erbaute auch das Verhalten der Menschen darin prägt: Schlecht gestalteter Raum führt zu schlechtem Verhalten. Und noch wichtiger ist, was man bewusst unterlässt: Wer im Zentrum seiner Stadt ein riesiges, wirbelndes, bösartiges und unbekanntes Vakuum entstehen lässt, trägt auch eine gewisse Verantwortung, wenn Menschen hineingezogen werden.“