Angriff auf Kyjiw: Was bezweckt Putin?
Nach Russlands Warnung an ausländische Diplomaten, die ukrainische Hauptstadt Kyjiw zu verlassen, hat der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha erklärt, die westlichen Partner sollten sich diesem "russischen Erpressungsversuch" nicht beugen. Russland hatte in der Nacht zu Sonntag den Großraum Kyjiw massiv mit Raketen und Drohnen angegriffen. Kommentatoren sehen vor allem ein Zeichen der Schwäche des Kremls.
Flucht nach vorn ohne Perspektive
Das Vorgehen zeugt von Nervosität, analysiert Kolumnist Pierre Haski in France Inter:
„Wird Wladimir Putin durch diese Eskalation und seine Rhetorik seine Bevölkerung davon überzeugen können, dass dieser Krieg, der nun in sein fünftes Jahr geht, die Tausenden von Toten, die wirtschaftlichen Opfer und nun auch die Zerstörungen durch ukrainische Drohnen wirklich rechtfertigt? Der russische Präsident tritt eine Flucht nach vorn an, die weder das Kräfteverhältnis noch die Grundlagen des Konflikts verändert. Die eigentliche Frage ist, ob er im Falle eines anhaltenden Scheiterns der Versuchung erliegen wird, rote Linien zu überschreiten und den Konflikt auszuweiten. Aktuell zeugen seine Drohungen vor allem von seiner Nervosität.“
Westen glaubt Drohungen nicht mehr
Der Westen vertraut heute auf die Stärke der Ukraine, stellt Politologe Wiktor Taran auf Facebook fest:
„Die Situation ist genau das Gegenteil der Lage, die am Vorabend der groß angelegten Invasion Russlands im Februar 2022 herrschte. Damals verließen westliche diplomatische Missionen massenhaft Kyjiw. Jetzt ist nichts auch nur annähernd Vergleichbares zu beobachten. Und das ist wohl der wichtigste Indikator dafür, wie sich die Wahrnehmung der Ukraine in der Welt verändert hat. 2022 fürchtete der Westen, dass Kyjiw fallen würde. 2026 glaubt der Westen den russischen Drohungen nicht mehr. Faktisch hat der Kreml eines seiner wichtigsten Instrumente des psychologischen Drucks verloren.“
Moskau testet seine Waffen
Russland nutzt Angriffe gezielt zur Weiterentwicklung seiner Raketen, schreibt Militäranalyst Olexij Kopytko in 24tv.ua:
„Die Russen haben bereits dreimal ballistische Mittelstreckenraketen unter Kampfbedingungen gegen reale Luftverteidigung eingesetzt. Solche Einsätze helfen ihnen, ihre Raketen zu verbessern. Die Russen trainieren, gestaffelte Luft- und Raketenabwehr zu durchbrechen, die Frühwarninstrumente (amerikanische und europäische), bodengestützte Luftabwehrsysteme, Flugzeuge, Abfangdrohnen sowie Mittel der elektronischen Kampfführung umfasst. ... Zudem üben die Russen die Koordination kombinierter Angriffe mit Drohnen und Raketen, die vom Meer, von verschiedenen bodengestützten Plattformen sowie durch taktische und strategische Luftwaffe gestartet werden.“
Das Image des Kreml-Herrschers bröckelt
Der Politologe Wladimir Pastuchow diagnostiziert in einem von Echo übernommenen Telegram-Post einen Stimmungswandel der Russen aufgrund des nicht enden wollenden Krieges:
„Die Tatsache, dass der Krieg gegen die Ukraine länger dauert als der Krieg der UdSSR gegen Deutschland, löst im Bewusstsein des Durchschnittsbürgers eine gewaltige kognitive Dissonanz aus: ... Der Krieg, der dem Durchschnittsbürger das Gefühl imperialer Größe und Eitelkeit zurückgeben sollte, hat Frustration darüber hervorgerufen, dass das 'wieder aufrecht stehende' Russland so lange nichts gegen die Ukraine ausrichten kann, die Putins Propaganda zuvor auf das Niveau eines unbedeutenden gescheiterten Staates herabgestuft hatte. All dies mündet bislang in eine vage, kaum wahrnehmbare Ablehnung Putins.“
Kreml setzt ein letztes Mal auf Trump
Der Soziologe Igor Eidman sieht auf Facebook in der Androhung weiterer Angriffe ein Indiz russischer Verzweiflung:
„Nun ist endgültig klar, dass der Kreml nicht die Ukrainer einschüchtert (die lassen sich nicht einschüchtern, als hätte man Kyjiw zuvor nicht beschossen), sondern Trump. Sozusagen: Jetzt hauen wir so rein, dass dein Fiasko als 'Friedensstifter' offensichtlich wird. Die Schwachköpfe hoffen, dass Trump dadurch Selenskyj zur Kapitulation zwingen kann. Das ist Russlands letzte Chance. Sonst muss der Krieg beendet werden. Denn an der Front hat sich das Blatt gewendet: Die Lage entwickelt sich zugunsten der Ukraine, die mittlerweile mehr Gebiete befreit als verliert. Wirtschaftlich und beim Stimmungsbild der Russen sieht für Putin auch alles schlecht aus.“
Kein "Monsterangriff" auf die Hauptstadt
Die Aargauer Zeitung relativiert die Attacke vom Sonntag –insbesondere den Einsatz der teuren Oreschnik-Rakete:
„Tatsächlich setzten die Russen diese relativ neue Mittelstreckenrakete ... nicht gegen die Hauptstadt ein, sondern gegen Bila Zerkwa, eine Ortschaft rund 80 Kilometer von Kiew entfernt. ... Wie nächtliche Videoaufnahmen zeigen, war die Streumunition nicht mit explosiven Gefechtsköpfen ausgerüstet. Es handelt sich somit eher um eine symbolische Attacke, die prompt von russischen Militärbloggern kritisiert wurde. Eine Oreshnik kostet umgerechnet wahrscheinlich mehr als 20 Millionen Franken [rund 22 Millionen Euro]. ... Die Opferzahl hielt sich für einen solchen 'Monsterangriff' denn auch mit vier Toten und knapp 90 Verwundeten im Grossraum Kiew in Grenzen.“
Europa muss endlich aufwachen
Die taz kritisert die schwache Reaktion der Europäer:
„Ein heißer Sommer 2026 droht Europa nicht nur, er hat bereits begonnen. Der Umgang Europas mit dem Krieg in der Ukraine erweist sich immer offensichtlicher als ungenügend: zu zögerlich im Erkennen des militärisch Nötigen, zu langsam in der Umsetzung finanzieller Zusagen, zu US-fixiert in der Diplomatie. ... Dieser Krieg wird mit der Waffe entschieden und nicht an der schiefen Bahn, die Trump für einen Verhandlungstisch hält. Die Ukraine weiß das. Die Europäer werden es wohl erst merken, wenn es zu spät ist und der Krieg sie direkt erreicht.“