Siegesparade in Moskau: Was bedeuten Putins Worte?

Während einer dreitägigen Waffenruhe hat Russland am 9. Mai seine traditionelle Militärparade zur Feier des Sieges über Nazi-Deutschland abgehalten. In einer Rede erklärte Präsident Wladimir Putin, die russische Armee kämpfe in der Ukraine gegen "aggressive", von der Nato unterstützte Kräfte. Bei einer anschließenden Pressekonferenz sagte er aber auch, er glaube, "die Sache" neige sich dem Ende zu.

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Wiktor Schlintschak (UA) /

Machthaber im Niedergang

Der Politologe Wiktor Schlintschak schreibt auf Facebook:

„Putin wollte erneut Stärke zur Schau stellen, aber die ganze Woche in Sicherheit bleiben. Er wollte Kontrolle zeigen, doch der wichtigste Feiertag Russlands hing letztlich von ukrainischen Entscheidungen ab. Er wollte internationale Unterstützung demonstrieren, aber alle sahen, dass neben Putin jene standen, die von ihm abhängig sind und deshalb nicht fernbleiben konnten. Und schließlich wollte Putin die Armee der Sieger präsentieren. Stattdessen zeigte er eine Liturgie unter freiem Himmel, die nicht nach Größe roch, sondern eher nach einer Art Nekrophilie. … Putins Größe schwindet.“

Nikolai Mitrochin (RU) /

Im Stil einer Geheimdienstoperation

Der Politologe Nikolai Mitrochin warnt bei Facebook davor, Russlands technische Potenz zu unterschätzen:

„Diese beharrlichen Behauptungen, Putin habe mit der Parade seine Schwäche demonstriert und verfüge nun über keine Technik mehr, passen irgendwie nicht so recht zu der Tatsache, dass die neuesten russischen Panzer sowie andere gepanzerte Fahrzeuge zwar vom Schlachtfeld verschwunden sind, aber weiterhin produziert, repariert und modernisiert werden – von einer Einstellung oder Einschränkung gab es keine Berichte. ... Die Parade fand eher im Rahmen 'tschekistischer' [geheimdienstlicher] Traditionen statt – im Stil einer Art 'Sonderoperation', deren Bedeutung und Sinn wir später erfahren werden.“

La Stampa (IT) /

Namensnennung könnte ein Zeichen sein

Putins Wortwahl hat sich grundlegend verändert, beobachtet La Stampa:

„'Herr Selenskyj' statt 'Anführer einer Neonazi-Clique', 'Führer des illegitimen Regimes in Kyjiw', 'Neonazi' und 'Komiker'. Angesichts der fast schon abergläubischen Gewohnheit Wladimir Putins, seine am meisten gehassten Feinde niemals beim Namen zu nennen, könnte seine Entscheidung, ihn zu erwähnen – noch dazu im Zusammenhang mit der Idee eines persönlichen Treffens – ein Zeichen für einen Stimmungsumschwung in Moskau sein, fast mehr noch als das Versprechen eines Krieges, der 'sich dem Ende zuneigt'.“

Kurier (AT) /

Die Zeit des Kremlchefs läuft ab

Putin verliert zunehmend an Rückhalt, betont der Ökonom Wladislaw Inosemzew im Kurier:

„Angesichts der Länge des Russland-Ukraine-Krieges – vergleichbar mit der des Ersten oder Zweiten Weltkriegs – sollte man nicht davon sprechen, die Ukraine 'habe keine Karten' oder sei 'militärisch besiegt'. Der Verlierer ist leicht zu erkennen, und es ist Putins Russland. Die kommenden Entwicklungen könnten überraschen, doch viele Anzeichen deuten auf Moskaus unausweichliches Scheitern hin. Selbst wenn die russische Wirtschaft noch stark genug ist, um die Kriegsanstrengungen zu finanzieren, sind weder das russische Volk noch die politischen Eliten bereit, sich für den alternden 'Führer' des Landes und seine wahnwitzigen Ambitionen zu opfern. Putins Zeit läuft ab.“

Kauppalehti (FI) /

In einem korrupten System zählt letztlich das Geld

Für Kauppalehti ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Elite in Russland aufbegehrt:

„Die ungewisse wirtschaftliche Lage lenkt die Aufmerksamkeit auf die Entscheidungsträger. Vor allem, weil es gleichzeitig auch an der Front in der Ukraine Rückschläge gibt: Im April verlor Russland zum ersten Mal seit dem Sommer 2023 mehr Gebiete, als es eroberte. Putins Zustimmungswerte sind auf dem tiefsten Stand seit Kriegsbeginn, wie aktuelle Umfragen zeigen. Die Bevölkerung ist jedoch eingeschüchtert und gefügig. Die entscheidende Frage ist, wie sich die Frustration in der Machtelite bemerkbar macht. In einem durch und durch korrupten System zählt vor allem Geld – und wenn der Geldfluss versiegt, kommt es zu Unruhen.“

Sme (SK) /

Europa ist wohl wenig erfreut über Ficos Auftritt

Sme kritisiert die neuerliche Reise des slowakischen Premiers nach Moskau:

„Es ist schon ironisch, wenn [Robert] Fico glaubt, seine europäischen Partner würden sagen: 'Ach, unser 'Verbündeter' Fico war am Tag des Sieges in Moskau, nahm am Empfang teil, schüttelte Autokraten die Hand und verhandelte anschließend mit Putin, stand aber nicht bei der Parade auf der Bühne und legte sogar den Kranz am Grabmal des unbekannten Soldaten zu einem anderen Zeitpunkt nieder als Lukaschenka und seinesgleichen. Wir sehen den Unterschied, und das ist in Ordnung.' Ja, sie sehen Ficos 'Unterschiede' und halten sie wahrscheinlich für die Ausreden eines Teenagers, der beim Diebstahl von Kleingeld aus dem Portemonnaie seiner Eltern erwischt wurde.“