Polens Präsident entzieht Selenskyj höchsten Orden

Polens Präsident Karol Nawrocki hat dem ukrainischen Präsidenten Wolodymir Selenskyj die höchste staatliche Auszeichnung aberkannt. Auslöser war die Entscheidung Selenskyjs, eine Militäreinheit nach der nationalistischen Ukrainischen Aufstandsarmee UPA zu benennen, die in Polen vor allem für Gräueltaten an der polnischen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg steht. Der Orden des Weißen Adlers war Selenskyj 2023 von Nawrockis Amtsvorgänger Andrzej Duda verliehen worden.

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Rzeczpospolita (PL) /

Nawrocki beleidigt eine kämpfende Nation

Bogusław Chrabota, Herausgeber der Rzeczpospolita, kritisiert sowohl Selenskyj als auch Nawrocki:

„Meine offensichtlich ablehnende Haltung gegenüber Selenskyjs Entscheidung, eine der ukrainischen Einheiten nach den 'Helden der UPA' zu benennen, möchte ich hier außer Acht lassen. Das war ein leichtfertiger Umgang mit der Geschichte und den patriotischen Gefühlen der Polen. Ein falscher und unnötiger Schritt. Nur ist Nawrockis Entscheidung meiner Überzeugung nach ein weitaus schwerwiegenderer Akt. Er ist beleidigend gegenüber dem Präsidenten einer kämpfenden Nation und gegenüber der Nation selbst, wie die Reaktion anderer mit polnischen Orden ausgezeichneter Ukrainer zeigt, die sich entschlossen haben, diese zurückzugeben. War das nicht zu erwarten? Ich habe davor gewarnt.“

Interia (PL) /

Verzögerte Geste ohne Wirkung

Für Interia kommt die Entscheidung verspätet:

„Hätte Karol Nawrocki seinen eigenen Emotionen vertraut und dem ukrainischen Präsidenten bereits am ersten Tag ohne zu zögern, ohne Debatte, ohne Beratung des Ordens-Komitees und ohne diplomatische Gespräche mit der Ukraine den Orden des Weißen Adlers einfach aberkannt, hätte seine Geste eine enorme Wirkung gehabt. Doch nun, nachdem er unklare Signale gesendet, die Entscheidung hinausgezögert und die weitere Entwicklung abgewartet hat, wirkt dies vor allem als weiterer Versuch, [Premier] Donald Tusk ein Bein zu stellen. Reine Politik, die auf ein konkretes Ergebnis abzielt. Ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Konsequenzen in der aktuellen internationalen Politik.“

Serhij Taran (UA) /

Emotionen zurückstellen

Die ukrainischen Politiker sollten einen kühlen Kopf bewahren, plädiert Politologe Serhij Taran auf Facebook:

„Von ukrainischer Seite sollte man sich nicht auf emotionale Achterbahnfahrten einlassen. Stattdessen sollte man versuchen, über die Zukunft zu reden, über gemeinsame Projekte, den Wiederaufbau, die Wirtschaft und die Sicherheit, zumal wir denselben gemeinsamen Feind haben. Was die Vergangenheit betrifft, braucht es maximale Offenheit und gemeinsame Forschungen – vor allem von professionellen Historikern und nicht von Politikern. Zumal der Rechtsruck in der polnischen Politik vorübergehend sein kann. Ein großer Teil der polnischen Gesellschaft versteht sehr gut, wer Freund und wer Feind ist.“

Echo (RU) /

Putin genießt die Show

Der Streit kommt zur völlig falschen Zeit, mahnt Politologe Wladimir Pastuchow in einem von Echo übernommenen Telegram-Post:

„Abgesehen von der Frage, ob die Helden der UPA tatsächlich Helden waren – das heben wir uns für bessere Zeiten auf –, würde ich es vorziehen, wenn Selenskyj sich heute nicht mit jenen Leuten überwirft, die ihm den Rücken freihalten. Zumal das historische Gedächtnis, das im Dreieck zwischen der Ukraine, Russland und Polen gefangen ist, eine äußerst explosive Angelegenheit ist. ... Nach dem berühmten Treffen im Oval Office kursierte im Internet eine Karikatur: Putin sitzt in einem Sessel, schaut sich ein Video mit Selenskyj, Trump und Vance an und lacht sich kaputt. Sollte man ihn tatsächlich in den Kinosaal einladen, um sich die zweite Folge anzusehen?“