Türkei: Für die Nato mehr als nur ein Gastgeber?
Die Türkei zelebriert den Nato-Gipfel in Ankara mit gehörigem Aufwand. Besonders pompös fiel der Empfang von Donald Trump aus. Der amerikanische Präsident hatte zuvor durchblicken lassen, er komme nur wegen seines 'Freunds Erdoğan' zu dem Bündnistreffen. Die Medien nehmen das zum Anlass, die Bedeutung des Gastgeberlandes für die USA wie Europa zu bewerten.
Trump braucht Erdoğan als regionale Stütze
Avvenire hinterfragt das beim Nato-Gipfel demonstrierte gute Verhältnis zwischen den Präsidenten der USA und der Türkei:
„Erdoğan ist wohl der Einzige, der keine ernsthaften Konsequenzen durch Donald Trumps Zorn fürchten muss. Im Gegenteil. ... Dabei war das Verhältnis zwischen den beiden in der Vergangenheit keineswegs immer idyllisch. ... Es stellt sich daher die Frage, warum der Mann im Weißen Haus Erdoğan inzwischen mit so viel Wohlwollen begegnet. Die Antwort liegt auf der Hand: In einem Nahen Osten im Umbruch, in dem der amerikanische Einfluss schwindet und Gewalt sowie Massaker kein Ende nehmen, braucht Trump eine 'Stütze', die ihm hilft, politisch im Spiel zu bleiben.“
Die Distanz wahren
Europa verhält sich gegenüber Erdoğan zu blauäugig, kritisiert Der Spiegel:
„Ja, die Türkei ist eine Regionalmacht mit Einfluss in vielen Regionen der Welt, sei es in Asien oder Afrika. ... Doch das bedeutet nicht, dass sich die Europäer Erdoğan deshalb gleich als Partner andienen müssten. Die Erzählung, wonach Europa die Türkei braucht, um geopolitisch eine Rolle zu spielen, ... verkennt, dass der gleiche Erdoğan die Russlandsanktionen des Westens umgeht und beste Geschäfte mit Kremlherrscher Wladimir Putin macht; dass er dem Nachbarland und Nato-Verbündeten Griechenland offen mit Krieg gedroht hat; dass er Terroristen der Hamas beherbergt. ... Erdoğan will den Nato-Gipfel zu seiner Show machen. Es gibt für die Europäer keinen Grund, dabei einfach mitzuspielen.“
Militärisch und diplomatisch viel Potenzial
Latvijas Avīze analysiert die Bedeutung der Türkei für die Nato:
„Als die Türkei 1952 der Nato beitrat, interessierten sich die anderen Staaten vor allem wegen ihrer geostrategischen Lage für sie – neben der UdSSR, an der Grenze zwischen Europa und Asien und mit der Kontrolle über die Meerengen zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer. ... Nun ändert sich diese Einschätzung. Die Türkei verfügt über fast eine halbe Million aktive Soldaten (ohne Reservisten) und ist damit nach den USA die zweitgrößte Streitmacht der Nato. ... Ebenso wichtig ist die diplomatische Kompetenz der Türkei, die sie durch ihre Vermittlungstätigkeit im Ukraine-Konflikt, im Konflikt zwischen den USA und Israel mit dem Iran, aber zuvor auch in Syrien und im Krieg Israels gegen die Hamas im Gazastreifen unter Beweis gestellt hat.“