Nach Spaniens WM-Sieg: Wie ist die Bilanz?
Die Fußball-Weltmeisterschaft ist mit einem Sieg Spaniens gegen Argentinien zu Ende gegangen. Superstar Lionel Messi konnte das Finale nicht für seine Mannschaft gewinnen – und Ferran Torres schoss in der Verlängerung das entscheidende Tor zum 1:0. Über das sportliche Ergebnis hinaus fragen europäische Kommentatoren nach den Signalen, die diese WM ausgesandt hat.
Europa muss wieder übernehmen
Unschöne Begleitumstände haben der WM letztlich nichts anhaben können, freut sich Berlingske:
„Trotz des Herumwerkelns von Fifa-Präsident Infantino und US-Präsident Trump hinter den Kulissen, entwickelte sich die WM zu einem Fußballfest mit guten und zumindest spannenden Spielen, Millionen begeisterter Fans und einem Finale, das mit dem verdienten Sieger endete. ... Fußball ist eine englische Erfindung, die in Europa weiterentwickelt, später aber vom Rest der Welt übernommen wurde. ... Europa dominierte auch die WM, mit drei von vier Mannschaften im Halbfinale und einem europäischen Weltmeister, der verdient gegen ein südamerikanisches Team gewann. Europa muss versuchen, die Macht in der Fifa zurückzugewinnen, damit wir geordnete und anständige Bedingungen im Weltfußball haben können.“
Der alte Kontinent hat es Trump gezeigt
Letztlich war die Fußballweltmeisterschaft eine Niederlage für den US-Präsidenten, befindet Sydsvenskan:
„Die WM war vor allem ein Beweis dafür, dass die europäische Offenheit die amerikanische Isolation übertrumpft, und das nicht nur auf dem Spielfeld. Europa feierte ein rauschendes Fest, trotz der Fifa-Versuche, den Sport an Autokraten zu verkaufen, Meisterschaft um Meisterschaft: 2018 in Russland, 2022 in Katar und dieses Jahr in Trumps USA. Für viele Amerikaner wurde die WM wohl zu einer Erinnerung an jenes Europa, dem die USA mit ihrer 'America First'-Doktrin den Rücken gekehrt haben: Norweger, die am Times Square rudern, Schotten, die in Boston ihr Bier austrinken, und orangefarbene Meere niederländischer Fans in Houston. Ohne diese Bilder ist Fußball nichts.“
Das Spiel ist nie vorbei
Kathimerini sieht einen philosophischen Sinn im Fußball und der WM:
„Gemeinsam mit Freunden, Familie und dem Rest des Landes träumen wir von großartigen Leistungen und Siegen. Wenn unser Team erfolgreich ist, sind wir stolz; wenn es verliert, leiden wir. Und so zynisch wir auch allem, was den Fußball umgibt, gegenüberstehen mögen, wir kehren immer wieder zurück, sind bereit, gestern, heute und morgen durch ein Spiel zu deuten, das uns in Freude, Stolz, Wut, Trauer und Hoffnung vereint. Die Tatsache, dass Griechenland sich dieses Mal nicht einmal qualifizieren konnte, zusammen mit einigen noch größeren Fußballnationen (zum Beispiel Italien), bedeutet nicht, dass das Spiel vorbei ist. Es ist nie vorbei.“
Für einen Moment die Welt stillstehen lassen
Kolumnist Antonio Lucas feiert in El Mundo den Triumph der Spanier:
„Was für ein Moment, als Trump Spanien, diesem 'Undankbaren', diesem 'hoffnungslosen Fall', diesem 'schrecklichen Partner' mehr als 20 Goldmedaillen umhängte. ... An diesem Tag mit Fremden am Strand zu tanzen, gemeinsam Trikots zu schwenken, im Gleichklang zu jubeln, zu weinen, zu lachen und sich – wenn nötig – sogar die Kleider vom Leib zu reißen: ein wahrer Hexensabbat. ... Die Nationalmannschaft beflügelt die kollektive Fantasie. Was braucht eine Gesellschaft zu dieser nächtlichen Stunde mehr? ... Kein Platz für Politik oder den Dreck des Alltags, denn hier geht es einzig um elf Männer und einen Ball – und darum, die Welt für einen kurzen Augenblick stillstehen zu lassen.“
Wider Erwarten großartig
Sebastian Wendel, WM-Korrespondent der Aargauer Zeitung, war positiv überrascht:
„Kann mich eine WM im Trump-Land wirklich packen? Nach sechs Wochen in Nordamerika blicke ich fasziniert zurück. Klar, 30.000 Flugkilometer für sechs Nati-Spiele [der Schweizer Nationalmannschaft] sind kein Ruhmesblatt. Doch an was werde ich mich noch in 30 Jahren erinnern? An die wunderbaren und erstaunlich vollen Stadien. An die durchs Band friedliche Stimmung. An die 20.000 frenetischen Fans vor dem Teamhotel der Kolumbianer in Vancouver. An den Argentinier in Kansas City, der mir erzählte, er habe für WM-Tickets sein Auto verkauft. ... Selbst als das Turnier nach Donald Trumps Intervention bei Gianni Infantino zu kippen drohte, hat der Sport die Angelegenheit geregelt: In Form des diskussionslosen Sieges der Belgier gegen den Gastgeber.“
Symbol für Maßlosigkeit
Rekordeinnahmen allein machen das Turnier noch lange nicht zu einem Highlight, findet La Libre Belgique:
„Trotz des finanziellen und sportlichen Erfolgs wird diese WM als Symbol für einen Fußball in Erinnerung bleiben, der endgültig ins Maßlose abgedriftet ist: Ein auf 48 Nationalmannschaften erweitertes Turnier, ein Spielplan, der die körperlichen Grenzen der Spieler immer weiter strapazierte, Ticketpreise, die jeglichen Bezug zur Realität der Fans verloren haben, eine Verbandsführung, die allzu oft nur schweigt oder inszeniert, sowie der Verdacht politischer Einflussnahme. … Hinzu kommen rassistische Äußerungen und die verweigerte Einreise des somalischen Schiedsrichters. … Infantino wird zwar Rekordeinnahmen bekannt geben, doch es geht nicht nur um den Umsatz.“
Im Fußball ist nichts mehr sicher
Bei dieser WM ist die alte Fußballordnung ins Wanken geraten, analysiert Le Figaro:
„Brasilien (fünfmaliger Sieger) hat keine Stars mehr und der deutschen Mannschaft (viermaliger Sieger) fehlt es an Inspiration: Symbolisiert das den Niedergang Deutschlands? Und zahlreiche afrikanische Länder waren kurz davor für Überraschungen zu sorgen: Kap Verde, Côte d‘Ivoire, Senegal, Ägypten… Ist das der Beginn des Aufstiegs des Südens, dessen Spieler vielfach im Norden ausgebildet wurden? ... Die WM hat Frankreich erneut gezeigt, dass im Fußball nichts sicher ist. In einem von Krisen erschütterten Land klammerte man sich an die 'Bleus'. … Als Favoriten gehandelt, sollten sie dem Land neue Hoffnung schenken. ... Eine Enttäuschung.“