Fifa: Wird aus Infantinos Rückzieher ein Rücktritt?

Fifa-Chef Gianni Infantino hat seine umstrittenen Pläne zum Verkauf von WM-Anteilen an private Investoren aufgegeben. Der Vorschlag werde nicht weiter verfolgt, erklärte der Fußball-Weltverbandschef. Die Kritik am Vorgehen Infantinos reißt jedoch nicht ab, Spaniens Liga-Chef Javier Tebas forderte seinen Rücktritt. Kommentatoren debattieren über die Zukunft des Fifa-Chefs und die seines Verbandes.

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Etelä-Suomen Sanomat (FI) /

Finnland ging voran

Etelä-Suomen Sanomat freut sich, dass Infantino seine Pläne nicht umsetzen konnte:

„Infantino hat jegliches Augenmaß verloren, als er seine eigenen Interessen auf Kosten des internationalen Fußballverbands vorantrieb. Die Ereignisse haben die Spekulationen über die Korruptionsanfälligkeit der Präsidenten internationaler Sportverbände jedenfalls nicht gemindert. Und es half auch nichts mehr, dass Infantino seine Pläne zurückzog. ... Glücklicherweise nahmen die Fifa-Mitglieder, also die nationalen Fußballverbände, eine harte Haltung gegenüber den Plänen ein und zeigen Infantino nun die Tür. Besonders stolz kann man darauf sein, dass der finnische Fußballverband als erster seine Unterstützung zurückzog. Andere folgen nun dem Beispiel Finnlands.“

Financial Times (GB) /

Fifa braucht Gewaltenteilung und Transparenz

Infantino ist nicht das Problem, argumentiert Miguel Maduro, ehemaliger Vorsitzender des Fifa-Governance- und Prüfungsausschusses, in der Financial Times:

„Die Fifa ist sowohl Regulierungsbehörde des Weltfußballs als auch dessen wichtigster kommerzieller Akteur. In jedem anderen Sektor würde eine solche Konstellation als offensichtlicher Interessenkonflikt gelten. Im Fußball ist dies jedoch zur Normalität geworden. ... Die Lösung ist einfach: Die Regulierungsfunktionen der Fifa sollten von ihren kommerziellen Aktivitäten getrennt werden. Ihre Führung sollte wirklich inklusiv und repräsentativ werden und Spielern, Fans, Frauen und anderen Interessengruppen eine echte Stimme geben. Die Aufsicht muss wirklich unabhängig sein und durch transparente Ernennungsverfahren geschützt werden.“

Yetkin Report (TR) /

Es siegen immer dieselben

Der globalisierte Fußball ist weit weniger offen, als er sich gibt, urteilt Yetkin Report:

„In den 23 Turnieren von 1930 bis 2026 wechselte der Pokal zwischen nur acht Ländern. Und diese acht liegen auf lediglich zwei Kontinenten: Europa und Südamerika. Der Fußball ist globalisiert, die Geografie der Champions aber ist weitgehend dieselbe geblieben. ... Der größte Preis des Fußballs wird zum Wettbewerb nicht allein der talentiertesten Spieler, sondern auch der stärksten Fußball-Ökosysteme. Die Siegerkarte der Weltmeisterschaft lässt an das in der Weltwirtschaft viel diskutierte Verhältnis von Zentrum und Peripherie denken. ... Die Machtzentren des Fußballs mögen sich mit der Zeit verschieben, die Geografie der Champions jedoch ist weit beständiger.“

The Independent (GB) /

Platzverweis für den Verbandschef

Gianni Infantinos Tage als Fifa-Präsident dürften gezählt sein, glaubt The Independent:

„Sein verpatzter Versuch, einen entscheidenden Anteil an der Weltmeisterschaft an eine Private-Equity-Gesellschaft zu übertragen – ausgerechnet an jemanden, der eng mit der Familie Trump verbunden ist –, wird seine Karriere beenden, und das zu Recht. ... Infantinos Lage ähnelt inzwischen der eines demokratischen Politikers, der das Vertrauen seiner eigenen Partei verloren hat. ... Er wird ersetzt werden müssen, vorzugsweise durch jemanden aus Afrika, der ein machtpolitisches Gegengewicht zur Uefa und der Concacaf bilden kann. Er hat die Fans und die Mannschaft gegen sich aufgebracht und ihm bleibt kaum etwas anderes übrig, als so würdevoll wie möglich zurückzutreten.“

Público (PT) /

Der Elefant im Porzellanladen

Público sieht grundlegende Fehlentwicklungen:

„Die Fifa hat mit elefantenartiger Ungeschicklichkeit gehandelt und dabei Porzellan, emotionale Bindungen, Gesetze, Regeln und Konventionen zerstört. Über Jahrzehnte hinweg, von Havelange über Blatter bis hin zu Infantino, hat sich diese Organisation zum perfekten Spiegelbild der Kommerzialisierung entwickelt und dabei auch chronische Korruptionsvorwürfe bei Wahlen, Zugeständnisse an Militärdiktaturen oder eklatante Menschenrechtsverletzungen bei der Auswahl wohlhabender Regionen als Austragungsorte für Veranstaltungen angehäuft. … Es ist deutlich geworden, dass für Infantino die Verfahren irrelevant sind, solange das Ziel letztendlich erreicht wird: das schönste Spiel in ein Finanzprodukt zu verwandeln.“

La Libre Belgique (BE) /

System auf dem Prüfstand

Die Fifa steht vor einer Richtungsentscheidung, analysiert La Libre Belgique:

„Seit zehn Jahren hat Gianni Infantino seine Macht auf einem Versprechen aufgebaut: durch mehr Transparenz und einer gerechteren Umverteilung der Einnahmen mit den Auswüchsen der Blatter-Ära zu brechen. Doch genau in diesen beiden Bereichen wird er heute angegriffen. Das hat bereits eine politische Dimension angenommen. Die Entscheidung liegt nun in den Händen der 211 Verbände, die im März 2027 den nächsten Präsidenten wählen sollen. Und dabei geht es nicht nur um die Wahl eines Präsidenten – sie werden entscheiden, ob die FIFA weiterhin mit harter Hand regiert werden kann oder ob die Zeit gekommen ist, dem System Infantinos ein Ende zu setzen.“

Dagens Nyheter (SE) /

Gier verschwindet nicht so schnell

Auch mit einem anderen Fifa-Präsidenten würde sich nichts grundlegend ändern, meint Dagens Nyheter:

„Bislang hat sich nur Victor Montagliani, Präsident des Kontinentalverbandes Concacaf [Nord- und Zentralamerika], gemeldet. Der Kanadier gilt als Mann mit guten Absichten, doch es fällt schwer zu glauben, dass sich die Fifa grundlegend verändern wird. Es sind die großen, pompösen kommerziellen Interessen und die Gier, die die Fifa zu der verspotteten Organisation gemacht haben, die sie heute ist. Die Möglichkeit, mit einem Sport, der sich scheinbar ständig ausdehnt, Geld zu verdienen, wird sich kaum verringern, selbst wenn Gianni Infantino von der Bildfläche verschwindet.“