Pro-iranische Miliz kontrolliert wichtige Ölroute
Mit der Einnahme der jemenitischen Küste des Roten Meers und strategisch wichtiger Inseln hat die pro-iranische Huthi-Miliz ihren Einfluss auf die für den Welthandel bedeutende Meerenge Bab al-Mandab ausgeweitet. Diese ist während des Iran-Krieges zu einer wichtigen Ausweichroute für saudi-arabische Ölexporte geworden. Welche Auswirkungen hat das auf die ohnehin schon angespannte Situation auf den Energiemärkten?
Lebenshaltungskosten vor der Explosion
Die gesperrten Seewege könnten die Weltwirtschaft in eine kaum abwendbare Krise stürzen, warnt Akşam:
„Die Meerenge Bab al-Mandab ist nicht nur eine Öltransitroute, sondern zugleich eine Hauptschlagader, durch die zwölf Prozent des Welthandels fließen. Dass beide Meerengen zugleich verstopft sind, reißt die Weltwirtschaft in einen Stagflationssturm, der die Ölkrisen der 1970er Jahre in den Schatten stellt. Während die Lieferketten von China und Südostasien bis nach Europa an den Punkt der Überlastung kommen, vervielfachen sich die Frachtraten im Seeverkehr. Das macht den Kampf der Notenbanken gegen die Inflation vollständig zunichte und steuert auf eine weltweite Explosion der Kosten für Nahrung, Energie und Produktion zu.“
Störeffekt nur temporär
Meer-Blockaden beeinträchtigen die Weltwirtschaft weniger als Ausfuhrbeschränkungen auf wichtige Rohstoffe, analysiert Le Monde:
„In einer globalisierten und stark verflochtenen Wirtschaft sind Meerengen ebenso wie Häfen oder Seekabel strategische Transitorte und somit Schwachstellen. Der Störeffekt ist jedoch nur vorübergehender Natur. Geht es um Zugänge zu Märkten, Kapital oder Technologie, kann eine Blockade als Wirtschaftswaffe dienen, wenn es keine Alternative gibt und noch eine Abhängigkeit besteht. … Dass Pekings Drohung mit Exportbeschränkungen für Seltene Erden so wirksam ist, liegt daran, dass China darauf fast das Monopol hat und Alternativen schwer umsetzbar sind. Der Dollar kann durch den Yuan ersetzt werden. Die Straße von Hormus kann innerhalb einiger Monate umgangen werden. Doch es braucht Jahre, um die Förderung und Raffination von Seltenen Erden an neuen Standorten aufzubauen.“
Saudi-Arabien in der Zwickmühle
The Guardian analysiert:
„Die Huthi waren klug genug zu erklären, dass sie nur Saudi-Arabien ins Visier nehmen. Doch das zeigt auch, dass sie ihren Einfluss künftig breiter nutzen könnten. Zudem sind sie Dschibuti näher denn je, wo sich amerikanische, chinesische und andere Militärstützpunkte befinden. Saudi-Arabien steht vor der Wahl: Verhandlungen mit einem erstarkten Feind, der immer weitergehende Forderungen stellt – oder die Rückkehr zu einem umfassenden Krieg, den das Land schon einmal bereut hat, diesmal mit wenig Unterstützung. Denn die Türkei und Pakistan zeigen keine Eile, im Rahmen des im August unterzeichneten Verteidigungspakts von Mekka aktiv zu werden.“
Welthandel bedroht
Iswestija erklärt die Problematik der Situation:
„Nach der Straße von Hormus ist und bleibt Bab al-Mandab die zweitwichtigste Meerenge der Welt. Durch sie fließen bis zu 15 Prozent der weltweiten Ölexporte, vorwiegend aus Saudi-Arabien. Zudem passieren die durch den Suezkanal fahrenden Schiffe Jemens Küste. Es geht also nicht nur um Öl, sondern um eine lange Liste von Gütern, die sowohl in Europa als auch in Asien gebraucht werden. Die Huthis haben auch die strategisch wichtige Ölpipeline angegriffen, die Saudi-Arabiens östliche Provinzen mit den westlichen verbindet. Riad war es lange Zeit gelungen, die von den iranischen Revolutionsgarden praktisch blockierte Straße von Hormus zu umgehen und seine Exporte über Bab al-Mandab abzuwickeln. Doch nun ist auch diese Route bedroht.“
Iran sitzt am längeren Hebel
Die USA sind durch eigenes Verschulden ins Hintertreffen geraten, analysiert Pravda:
„Tatsächlich kontrollieren der Iran und dessen Verbündete jetzt zwei wichtige Öltransportrouten und schaffen damit die Voraussetzungen für einen diplomatischen Sieg, der ihre Position stärken könnte. Obwohl die Islamische Republik weiterhin unter enormem wirtschaftlichem Druck steht, vor allem aufgrund der Blockade ihrer südlichen Häfen, entwickelt sich die Kriegsdynamik zu ihren Gunsten. Wie immer, wenn sich der Aggressor nur auf seine technische Stärke verlässt und die vielschichtige Realität der zu unterwerfenden Regionen nicht berücksichtigt, treten 'unerwartete' Probleme auf, wie die Besetzung einer Insel im Roten Meer durch die jemenitischen Huthis, Irans Verbündete. Dies bedeutet weitere Störungen der Öltransporte aus dem Nahen Osten.“
Huthis haben eigene Interessen
Der Standard analysiert:
„Die Huthis stellen den wieder ausgebrochenen Krieg offiziell in einen inner-jemenitischen Kontext: den Kampf mit der international anerkannten Regierung, die von Saudi-Arabien unterstützt wird. Diese Regierung sitzt offiziell in der südlichen Metropole Aden und ist ebenfalls in sich gespalten. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die früher an der Seite Saudi-Arabiens standen, haben sich aus der Allianz zurückgezogen, spielen jedoch ihre eigenen Spielchen im Südjemen und unterstützen Separatisten. Das alles schwächt die Kräfte, die sich den Huthis entgegenstellen. Formal haben sich die Huthis noch nicht dem US-iranischen Krieg angeschlossen, auch wenn ihre Offensive dem Iran in die Hände spielt. Ihre Forderungen richten sich an Saudi-Arabien, das sich von der Seite der Adener Regierung zurückziehen soll.“
Golfstaaten verlieren Vertrauen in USA
Die Blockade legt die Schwäche der amerikanischen Sicherheitsgarantien am Golf offen, schreibt Tygodnik Powszechny:
„Die arabischen Golfstaaten haben zunehmend das Gefühl, dass sie in der Vergangenheit Milliarden an die Amerikaner für Waffen und einen Schutz gezahlt haben, der sich als löchrig erwiesen und die von Iran angegriffenen Ölanlagen nicht geschützt hat. Selbst die Vereinigten Arabischen Emirate, die zuvor für einen harten Kurs gegenüber Teheran eingetreten waren, haben am Rande des jüngsten BRICS-Gipfels in Delhi Kontakte mit dem Feind aufgenommen und rufen heute gemeinsam zur Deeskalation auf. Das bedeutet noch nicht, dass die USA in der Region eine Niederlage erlitten haben, mit Sicherheit aber das Ende ihrer Hegemonie und Chaos in der Weltwirtschaft.“
Trump weist jegliche Schuld von sich
Nach Ansicht von Večernji list versucht der US-Präsident, seine Verantwortung für den globalen Dieselengpass abzuwälzen:
„Offensichtlich ist laut Trump nicht der Krieg mit dem Iran, der einfach kein Ende finden will, für einen möglichen Dieselengpass verantwortlich, sondern die seit Monaten andauernden ukrainischen Angriffe auf die russische Öl-Infrastruktur. Es ist klar, was Trump mit seinem Aufruf [zum Stopp der Angriffe auf die Energie-Infrastruktur] bewirken möchte: Er will den möglichen Ausfall von Öl aus der Golfregion durch russisches, vielleicht auch ukrainisches Öl ersetzen. Doch ist dies nicht so einfach. Russland hat nämlich aufgrund der durch die ukrainischen Angriffe verursachten Engpässe ein Exportverbot für sein Öl verhängt. Trumps Appell löst das Problem möglicher Engpässe bei Öl und Diesel kurzfristig also nicht.“