Warum besucht der CIA-Direktor Moskau?

CIA-Direktor John Ratcliffe hat sich am Dienstag in Moskau aufgehalten. Der Besuch war inoffiziell und unangekündigt, doch der Flug einer großen US-Maschine von Washington nach Moskau war der Öffentlichkeit nicht verborgen geblieben. Der Kreml bestätigte die Visite als "Gespräche zwischen den Geheimdiensten". Die meisten Medien sehen ihn in Verbindung mit Entwicklungen im Ukrainekrieg.

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De Standaard (BE) /

Ratcliffe sollte Putins Wut dämpfen

De Standaard vermutet, dass die USA einer möglichen Eskalation des Ukraine-Krieges vorbeugen wollen:

„Ratcliffes Besuch findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem der Krieg in der Ukraine immer heftiger und aussichtsloser wird. ... Vor allem die Angriffe mit ballistischen Raketen treffen die Ukraine hart. Aber auch die ukrainischen Drohnenangriffe auf russisches Territorium werden immer dreister. Mehr und mehr russische Zivilisten kommen ums Leben. Das macht Putin zunehmend wütender. Am vergangenen Wochenende sagte er, die Ukraine habe die Büchse der Pandora geöffnet: 'Die russischen Maßnahmen werden schmerzhafter und zerstörerischer sein. Es wird immer Vergeltung geben.'“

La Repubblica (IT) /

Intervention gegen Atombomben-Einsatz?

Der Besuch war durch die Befürchtung einer noch nie dagewesenen Bedrohung motiviert, meint La Repubblica:

„In den letzten Tagen sind Berichte durchgesickert, wonach der Kreml eine Provokation gegen die Nato plant und den Zusammenhalt des Bündnisses auf die Probe stellen will: Das sind Einschätzungen, die in Europa schon seit Monaten kursieren, doch dieses Mal wurden sie dem US-Geheimdienst zugeschrieben und nicht dementiert. Die Agentur Bloomberg geht noch weiter. Sie zitiert russische Beamte, die von einer Raketeneskalation gegen ukrainische Städte sprechen. Und sie gehen sogar so weit, zu vermuten, dass Putin den Einsatz einer taktischen Atombombe in Betracht ziehen könnte.“

Alexander Morosow (RU) /

Kreml braucht dringend militärische Erfolge

Politologe Alexander Morosow verknüpft auf Facebook Ratcliffes Besuch mit einer möglichen Intensivierung der Kämpfe in der Ukraine:

„Das Jahr 2026 hat eine neue politische Lage geschaffen: Es ist nicht mehr möglich, öffentlich zu erklären: 'Die Sonderoperation verläuft nach Plan und die Ziele werden erreicht.' Putin benötigt jetzt einen Zwischenerfolg. Vorzugsweise bis zum 18. November, wenn er zum APEC-Gipfel [nach China] fliegt, wo er Trump trifft. Daher ist mit einer neuen Phase des Gemetzels im Donbass zu rechnen, die nicht 'nach der Wahl' beginnen wird (diese hat für die militärische Planung keinerlei Bedeutung), sondern bereits Mitte September. Möglicherweise ist dies der Hintergrund für die Reise des CIA-Chefs nach Moskau: Wir erkennen Ihre Absichten, wir erkennen die Vorbereitungen.“

Új Szó (SK) /

Flucht nach vorn ist Kyjiws einziger Ausweg

Auch in der Ukraine stehen die Zeichen auf Eskalation des Krieges, vermerkt Ukraine-Experte Balázs Jarábik in Új Szó:

„Die Vorbereitungen für den Winter laufen derzeit besser als vor einem Jahr, während die Belastung des Energiesystems aufgrund des Einbruchs des Industrieverbrauchs geringer geworden ist. In Kyjiw ist daher vorsichtiger Optimismus zu spüren. ... Doch jede Krise verstärkt die andere: Die Lage an der Front verschlechtert die wirtschaftlichen Aussichten, das Finanzdefizit erhöht die Abhängigkeit vom Ausland, und die internen politischen Kämpfe schwächen die Handlungsfähigkeit des Staates. Die Ukraine leistet weiterhin Widerstand. Kyjiw sieht jedoch keinen anderen Ausweg als die Flucht nach vorn. ... Mit dieser Logik kann der Krieg jedoch nur weiter eskalieren.“

Igor Eidman (RU) /

Ausweg aus der iranischen Sackgasse gesucht

Wie Soziologe Igor Eidman auf Facebook schreibt, geht es bei dem Besuch wohl nicht um die Ukraine, sondern um den Iran:

„Viele fragen sich, warum CIA-Direktor Ratcliffe so unerwartet und unter Zeitdruck nach Moskau geflogen ist. Manche verbinden damit sogar Hoffnungen – nämlich, Russland zum Frieden zu zwingen. Ich denke, all dies ist leider umsonst. In Wirklichkeit ist Ratcliffe höchstwahrscheinlich gar nicht wegen der Ukraine nach Moskau gekommen, sondern wegen der Sackgasse, in die Trump im Krieg mit dem Iran geraten ist. ... Deshalb ist Trump derzeit offenbar bereit, sich wie ein Ertrinkender an jeden Strohhalm zu klammern.“

La Repubblica (IT) /

Gewollt auffällig

Um Geheimhaltung bemüht war der Besuch jedenfalls nicht, merkt La Repubblica an:

„Hätte CIA-Direktor John Ratcliffe es vorgezogen, nicht aufzufallen, hätte er andere Mittel nutzen können, um heimlich nach Moskau zu gelangen. ... Es bleibt daher unklar, warum der Chef der amerikanischen Geheimdienste seinen ersten Besuch in Russland so öffentlich gemacht hat und was der Zweck der vier Stunden war, die er in der Hauptstadt verbrachte. Die Vermutungen reichen von Warnungen an Putin, er solle es nicht wagen, die Invasion der Ukraine auf Nato-Mitgliedstaaten auszuweiten, bis hin zu harmloseren und relativ üblichen Verhandlungen über den Austausch einiger Häftlinge.“

Corriere della Sera (IT) /

Geheimdienste als Troubleshooter?

Der Besuch kann ein Zeichen für eine echte Krisensituation sein, warnt Corriere della Sera:

„Der Einsatz von Geheimdienstchefs bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein großes Abkommen in Vorbereitung ist. Manchmal kann es sogar das Gegenteil bedeuten: Die Beziehungen haben sich so sehr verschlechtert, dass ein vertraulicher Kanal erforderlich ist, um Zwischenfälle zu vermeiden, Warnungen zu übermitteln und Themen wie Terrorismus, Atomwaffen oder Gefangenenaustausch zu besprechen. Kurz vor Ratcliffes Reise enthüllte der Geheimdienst Putins Pläne, neue Massenmobilisierungen durchzuführen und den Suwałki-Korridor zu bedrohen, der Russland [Belarus] von der zwischen Polen und Litauen eingeklemmten Exklave Kaliningrad trennt – alles Nachrichten, die der Nato Sorge bereiten.“